Ein langer Tag

Früh aufstehen…

Heute fahren wir zum ersten Mal und in einem Tag den Nord-Ostsee-Kanal. Etwas Neues für uns vier, denn zwei Freunde von uns sind mit dabei und die kennen den NOK auch noch nicht. Der Wecker geht viel zu früh, bereits um 6 Uhr. Ab 06:30 Uhr kann zwischen dem 1. und dem 15. Oktober geschleust werden. Das sagt das Merkblatt für Sportbootfahrer des WSA. Es gibt feste Fahrzeiten auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Sportbootschiffer dürfen nur bei Tageslicht fahren und wir wollen und müssen in einem Tag durch den NOK. Das begrenzt die Fahrdauer und wir dürfen nicht bummeln… Wir beeilen uns also und starten ohne Frühstück in Regen und Dunkelheit, um dann mit zwei weiteren Frühaufstehern vor der Schleuse im Wartebereich zu kreisen. Wir warten auf das weiße unterbrochene Signal das heißt: Einfahrt erlaubt.

Auch unsere weiteren Infos stammen fast alle aus dem Merkblatt. Tipp: vorher herunter laden und lesen.

Wir wissen: nicht die Schleuse anrufen. Ein anderer weiß das nicht und kennt auch die Signale nicht. Er funkt die Schleuse an: „Ich sehe hier ein weißes Licht, heißt das, dass ich einschleusen darf?“ – „Die Südschleuse steht auf Rot, die Nordschleuse steht auf grün, ich weiß nicht, wo sie ein weißes Licht sehen!“ kommt die prompte Antwort von der Schleuse. „Kein Problem, ich warte gerne“ kommt kleinlaut vom Segler. Blöd und überflüssig, denn die Jungs auf der Schleuse haben anderes zu tun…

Warten und kreisen – oder frühstücken und Funk hören

Nachdem wir eine halbe Stunde im Regen gekreist sind, frierend, aufgeregt, müde und schweigend…. endlich! Das weiße unterbrochene Signal! Alle drei Boote streben der Schleuse zu. Ein Blick nach hinten, und wir entdecken, dass sich jetzt erst die anderen Segler aus dem Yachthafen Kiel-Holtenau auf den Weg machen.

Wir sind platt und erkennen: Nur die Anfänger kreisen vor der Schleuse! Die Erfahrenen haben wohl Funk gehört und erst noch gefrühstückt. Das scheint zu reichen und ist dann die klügere und wärmere Methode.

Ich nehme freiwillig einen der hinteren Plätze bei den einfahrenden Booten ein – erstmal gucken, was die Anderen machen…

In der Schleuse ist noch Platz

Einschleusen am frühen Morgen in Kiel-Holtenau mit dem Segelboot

Zur Blauen Stunde in der Schleuse

Die kleine Schleuse ist derzeit defekt. Wir werden deswegen mit der Berufsschifffahrt in der grossen Nord-Schleuse geschleust. Es ist sehr viel Platz, insgesamt sind es vielleicht 10 Boote mit uns. Zwei kleinere Schleppverbände sind auch mit dabei. Alles andere sind Sportboote. Wir hängen die Fender um und so tief, so dass die auf dem Wasser aufliegen, denn die Schwimmstege sind sehr niedrig.

Ich entspanne mich. Kein Durcheinander, einfaches Anlegen mit viel Platz längsseits, trotz des starken Windes. Wir legen an und vertäuen das Boot an den Ringen.

Marion zeigt auf die anderen Boote: Bei den meisten Booten steht mindestens einer draußen auf dem Steg und hält die Leine in der Hand. Hat das einen Grund? Wir liegen auf Slip… Hm. Ich bitte Phillip wieder auf den Schwimmsteg, man weiß ja nie. Es geht los. Das Schleusentor schließt sich, es passiert scheinbar nichts, dann öffnet sich das andere Schleusentor schon wieder. Das könnte der Grund sein, Vertäuen lohnt sich wegen der Kürze des Schleusens nicht und der auf dem Schwimmsteg kann das Boot abstoßen. Für das nächste Mal was gelernt! Wir werfen los, Abstoßen brauchen wir nicht, wir liegen auf Abstand und fahren als Dritte hinaus.

War das alles? Ist ja unspektakulär. Wir hatten tatsächlich mehr erwartet.

Der Motor tuckert unter uns

NOK im Regen mit Blick nach vorne, ein Segler kommt entgegen

Die ersten 3 Meilen sind noch spannend. Schleusenvorhafen, Lagerhäuser, Brücken, Kanal, Industriecharme. Die anderen Segler anfangs um uns herum, wie eine Perlenkette. Das Motorengeräusch und die Vibrationen von dem alten Diesel höre und spüre ich noch gerne.

Zwei von uns gehen hinunter, erstmal das Frühstück nachholen. Eine sehr gute Idee. Marion und ich machen die erste Schicht. Die ersten 5 Meilen. Doch bereits nach drei Meilen sind die anderen Segler vor uns schon fast außer Sicht. Für uns sind 5 Knoten eine hohe Geschwindigkeit. Für die anderen eher nicht. Auf dem Kiel-Canal, so die internationale Bezeichnung, wären 15 km/h  erlaubt, das sind 8,1 Koten. Auf Shipspotting-Seiten wie der Shipspotting.com kann man sich einen Überblick über den Verkehr auf dem Kanal verschaffen und sehen, dass die Frachter teils mit 8,7 kn unterwegs sind. Schön wär`s. Das Feld zieht sich in die Länge. Und wir hinterher …

Wir haben nun alles gesehen, der Kanal könnte jetzt gerne zu Ende sein. Es liegen aber noch 49 Meilen vor uns….

Langeweile

Wir spielen in Kälte und Regen „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ und blödeln herum, tanzen, singen. „Nach müde kommt doof“, wie Marion gerne sagt. Aber es tut gut und verkürzt die Zeit.

Unten ist das Frühstück zu Ende, unsere Freunde versuchen zu lesen. Das sieht aber eher mühsam aus, wie die beiden vorne über gebeugt mit den Decken über den Schultern zusammengesunken da sitzen.

Wir üben das internationale Buchstabieralphabet. Marion hat als Aufgabe „Gill“, sie gibt mir „Leuthäuser-Schnarrenberger“ ;-). Das übt und hält uns beschäftigt. Die Zeit vergeht. Doch auch das wird irgendwann langweilig.

Ich blicke nach unten. Unsere Freunde sind auf den Bänken umgekippt und eingeschlafen. Das ist ja auch kein Wunder. So früh und dann so kalt und nass auf dem Kanal.

Wachwechsel

Endlich werden wir abgelöst und gehen nach ein paar Worten hinein. Die Wärme vom Kocher staut sich unter der Decke. Ah, wohlige Wärme! Meine Offshore-Jacke ist nach 8 Jahren undicht geworden. An der Schulter und am rechten Arm bin ich nass. Ich ziehe die verschiedenen Schichten aus – und entdecke den doppelten Sinn hinter dem Wort „Schichtwechsel“.

Freunde im Regen auf den Nord-Ostsee-Kanal. Dick eingepackt in Ölzeug.

Wir sind durchgefroren und müde. Warme, trockene Kleidung! Einweg-Heizsohlen in die Stiefel. Eine Wohltat! Essen! Himmlisch! Der Kocher wärmt das Wasser und den Salon gut auf. Ein heißer Tee. Wie gut das tut!!! Allerdings ist es sehr laut unter Deck. Eine Unterhaltung ist wegen des alten Diesels kaum möglich.

Draußen klopft der Regen aufs Dach. Von Philipp und Anni ist unter den Neonkapuzen nur noch wenig vom Gesicht zu sehen. Bei 10 Grad keine Freude. Die zwei haben dennoch Spaß an dem Trip.

Die Zeit vergeht langsam

Steuern, Wachwechsel, dösen, Wachwechsel. So vergeht der Tag. Wir verbringen am Nachmittag eine lange Zeit gemeinsam zu viert in der Plicht und haben Spaß. Viele Boote überholen uns. Fast immer nur einzelne, meist ältere Männer an Bord. Wenige Paare, selten mehrere an Bord.

Ein Segler auf dem Nord-Ostsee-Kanal unter Segeln kommt entgegen.

Wir genießen es sehr, nicht alleine an Bord zu sein. Dennoch vergeht die Zeit langsam. Doch wenigstens ist es wärmer geworden. Der starke Wind mit bis 5 bft in Böen von vorne bremst uns teilweise bis auf 3,9 Knoten herunter. So wird das ja nie etwas! Dennoch überholen wir ein Boot. Eines! Auf 54 Seemeilen! Und das hat einen 6 PS Aussenborder. Hm. Bei unserem Boot sollte da etwas mehr drin sein.

Abwechslung bietet nur hin und wieder der Gegenverkehr. Das ist meist Berufsschifffahrt. Etwas 100 Schiffe passieren pro Tag im Schnitt den Kanal. Wir sehen vielleicht 15 oder 20. Es bleibt mehr als genug Platz zum Passieren. Auf der Trave sind die Fähren viel größer und mit den vielen Seglern ist es dort viel enger. Auch das also nichts besonderes. Hin und wieder ein Überholer, eine Fähre, eine Brücke, Schwäne….

Rendsburg ist noch ganz interessant. Spannend ist es, die Autobahnbrücke zu unterqueren über die man sonst mit dem Auto fährt. Die Hafenanlagen liegen aber still und verlassen da.

Einmal kommt uns ein schöner großer Segler entgegen. Bei dem starken Rückenwind hat er die Fock gesetzt, das hilft richtig. Das darf er auf dem Nord-Ostsee-Kanal sogar: „Sportfahrzeuge mit Maschinenantrieb dürfen zusätzlich Segel setzen. Sie müssen dann im Vorschiff einen schwarzen Kegel – Spitze unten – führen.“ Aus dem Merkblatt für Sportbootfahrer des WSA. Hätten wir doch auch Rückenwind, dann wäre das nicht so eine Quälerei.

Kochen hilft gegen Langeweile

Kochen auf dem NOK - Nudeln abgiessen

Gegen Nachmittag beschließen wir zu kochen. Nudeln in Tomatensoße, aber nicht einfach so. Wir durchsuchen die Schapps und finden was noch so da ist: getrocknete Tomaten, Schalotten, gestückelte Tomaten, grünes Pesto, Sambal Oelek, Oliven, Tomatenmark und Reissahne. Klingt gut! Wir sind glücklich etwas zu tun zu haben und legen los. Unsere Freunde genießen während dessen oben sogar die Sonne!

Als wir fertig sind gieße ich das Wasser über Bord ab, immer ein sehr besonderer Moment. Mit den Nudeln im kochenden Wasser in der einen Hand und dem Sieb in der anderen an Deck balancieren und dann die Nudeln außenbords abgießen.

Auf die Teller verteilt und ab in die Plicht in die Sonne. Wir sind alle sehr erstaunt. Es ist unglaublich lecker geworden. Hier das Rezept.

NOK-Nudeln – Lecker, lecker – das Rezept

2-3 Schalotten würfeln, andünsten.

Eine Handvoll gewürfelte getrocknete Tomaten mit dazu. Ein Esslöffel Tomatenmark, eine Prise Zucker dazu.

Mit gestückelten Tomaten aus dem Tetra-Pack und Tomatenmark ablöschen und weiter köcheln lassen.

Einige schwarze Oliven aus dem Glas dazu, einen Teelöffel Sambal Oelek, einen Esslöffel Basilikum-Pesto mit in die Sauce.

Während dessen die Nudeln machen und abgiessen.

Soße mit Pfeffer und Salz und Reis- oder Soja-Sahne abschmecken. (Reis- und Soja-Sahne sind haltbar und im Tetra-Pack unzerbrechlich an Bord, es geht natürlich auch normale Sahne….)

Das Ganze auf dem Teller mit Parmesan bestreuen. Lecker!

Der Motor hat genug, wir auch!

Der Motor spuckt schwarzen Qualm, wir haben ihn zu sehr getrieben. Langsam spulen sich die Meilen runter. Es kann nicht mehr weit sein, ein Öllager auf der Backbordseite an Land. Immer wieder ein besorgter Blick auf den Auspuff. Der Motor ist wie das Boot mit 46 Jahren nicht mehr der Jüngste. Aber er läuft noch immer brav und zuverlässig. In dem Alter darf man auch mal rauchen …

Schließlich drosseln wir die Drehzahl herunter. Nur noch 4 Knoten Fahrt, es zieht sich sehr. Aber der Motor ist merklich leiser geworden und qualmt jetzt nicht mehr.

Endlich kommt Brunsbüttel gegen 19 Uhr in Sicht. Wir sind erleichtert. Für uns und auch für den Motor.

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Anlegen

Wir laufen sehr langsam in den Yachthafen Brunsbüttel ein, es ist ziemlich voll. Alle Überholer liegen schon im Päckchen. Wir tuckern herum und sondieren den besten Platz für uns. Schließlich entscheiden wir uns für ein ebenso betagtes Boot wie unseres, das am Steg liegt. Wir wollen längsseits ins Päckchen.

Erstmal Erlaubnis einholen. Das dürfen die Damen machen ;-) Der Bootsnachbar scheint sich unter Deck zu verstecken. Doch nein, er kommt, ist sehr freundlich und hilfsbereit. Ich setze nochmal zurück, nehme Anlauf, kupple aus und lasse das Boot mit dem letzten Schwung längsseits kommen. Kurz rückwärts einkuppeln, wir stehen. Leinen übergeben, Festmachen, Fender kontrollieren, ein kurzer Schnack. Auch dieses Manöver war recht entspannt für mich.

Dann der große Moment: Motor aus. Endlich! Das waren 13 Stunden Fahrtzeit unter Motor! Für alle eine Strapaze. Die Ruhe ist ungewohnt.

Ein weiteres Boot kommt und geht wiederum an uns längsseits. Eine große Yacht, ziemlich neu. Wir helfen. Auch hier ein kleiner Schnack. Dann auf zum Hafenmeister, 8 Euro, das ist okay, allerdings gibt es keinen Strom. Duschen, einkaufen, Feierabend!

Ach nein. Leider nein. Starkwind ist auf der Elbe für morgen angesagt. Wir tauschen widerwillig noch die Genua gegen die Fock und quälen uns an Deck mit dem zusammenlegen des riesigen Tuchs bei ordentlich Wind. Schließlich gelingt es und sieht sogar recht gut aus.

Feierabend

Auf einem Segelboot, und vor allem auf einem kleinen von 27 Fuß, ist es wirklich keine Selbstverständlichkeit, sich nie auf die Nerven zu gehen. Wir sind sehr froh, dass wir mit unseren Freunden eine so nette und anpackende, aber vor allem unkomplizierte und angenehme Gesellschaft haben. Obwohl es eigentlich ein ereignisloser, kalter Tag mit viel Regen und motoren war: es war doch irgendwie toll auf dem NOK und zu viert war die Tour auch für alle so angenehm wie möglich. Trotzdem war es ein langer und sehr anstrengender Tag auf dem Kanal.

Gegen 21 Uhr, das Abendessen fällt wegen Müdigkeit aus, wir öffnen ein Bier und sitzen noch kurz zusammen bis uns die Augen zufallen. Es reicht für heute!!!

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Doch wir sind uns einig: Der Kanal ist insgesamt weniger schlimm als erwartet und viel unspektakulärer als wir dachten. Für uns ist es von Travemünde über Fehmarn, Kiel, den Nord-Ostsee-Kanal und dann die Elbe hinauf bis nach Hamburg hinein ein schöner 4-Tages-Törn mit Freunden zum Abschluss des ersten Jahres. Und der NOK ist dabei eben nur eine Etappe.

Die letzten Tage war bei meist gutem Wind schönes und flottes Segeln angesagt. Die Bilanz der Reise stimmt also.

Alles hat gut begonnen ….

… doch dann haben wir einen Schaden am Boot. Die Wellenkupplung an unserer Dehler Optima 83 ist gerissen. Damit ist klar: Heute und bis auf weiteres kein Segeln mehr! Und dann wurde es auch noch nass, denn ich fiel über Bord.

Doch eines nach dem anderen:

Die Sonne scheint milchig durch die Fenster. Sonntag morgen. Wir sitzen noch gemütlich im Bett, ich halte das Kaffee Glas in der Hand. Lecker! Wenig Wind ist angesagt, aber Sonne. Natürlich wollen wir zum Boot, denn es fehlt uns. Viel zu lange sind wir schon ohne Wind und Wellen! Wir packen eilig unsere Sachen zusammen. Vor allem warme Kleidung, denn es sind nur 15 Grand vorausgesagt. Gegen 10 sind wir auf der Autobahn. Wenig Verkehr und wir kommen gut voran. Die Felder sind abgeerntet, der Herbst ist deutlich spürbar. Wehmut macht sich bei mir breit. Es wird eines der letzten Male sein, dass wir dieses Jahr segeln können.

Erst einmal einen Tee…

…. denken wir uns, als wir angekommen sind. Während Marion den Tee kocht, hänge ich die Batterie an das Ladegerät. Es lohnt sich, nur noch 12,8 Volt. Ich bringe noch schnell die Klemme an der Mastnut an, die die Rutscher in der Nut halten sollen. Bastele noch 2-3 weitere Kleinigkeiten. So, fertig, es kann losgehen. Hm, Tee ist kalt. Schon wieder eine Stunde vorbei?! Unglaublich! Waren das nicht wenige Minuten gewesen? Egal, gut das erledigt zu haben! Marion hat sich dem Handy zugewandt, während ich gebastelt habe.

Kein Wind?

Der Wind war mit 3 Knoten vorausgesagt. Doch er frischt auf. Nichts wie los! Marion möchte uns raus fahren aus dem Hafen. Die Heckleinen sind gelöst. Ich werfe uns vorne los, endlich kann es losgehen. Wie oft wir noch in diesem Herbst zum segeln kommen werden? Es könnte einer unserer letzen Schläge sein.

Einkuppeln!

Marion legt den Rückwärtsgang ein.  Es klingt anders als sonst. „Ist der Gang drin?“, fragt mich Marion. Ich blicke auf den Schalthebel. „Ja, ist drin!“ meine ich. „Wir fahren aber nicht, wir treiben mit dem Wind.“ Wir versuchen es nochmal. Vorwärtsgang, Leerlauf, Rückwärtsgang. Nichts. Der Gang scheint sich nicht einlegen zu lassen. Noch bin ich gelassen. „Sicherlich hat sich nur das Schalt-Gestänge gelöst“, denke ich bei mir und hole das Werkzeug. Wir stoppen den Motor. Um an das Gestänge zu kommen müssen wir den Boden in der Plicht ausheben. Ein großer, schwerer Deckel aus GfK. Um den heraus zu bekommen, muss allerdings der Traveller abgebaut werden und die Roste in der Plicht heraus. Wir schrauben gemeinsam den Traveller ab, heben den Deckel aus. Ich steige hinein, Marion startet den Motor, ich schalte. Es klingt nicht wie sonst. Ich kontrolliere das Gestänge.  Nichts, alles in Ordnung.

Der Schaden – die Wellenkupplung ist gerissen

Dann sehe ich die Bescherung. Die Wellenkupplung, das Verbindungsstück zwischen Getriebe und Welle, ist abgerissen. Das Teil ist aus massivem Gummi und soll die Vibrationen des Motors von der Welle und der Dichtung in der Rumpfdurchführung fern halten. Abgerissen. Damit ist klar: Heute kein Segeln mehr!

Marion zieht sich erst mal zurück um den Schreck zu verarbeiten. Ich bekämpfe den Schreck und den Schaden mit Werkzeug. Schnell ausbauen das Ding. Hier das Video zum Schaden:

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„Wird schon nicht so schlimm sein….“, denke ich bei mir, „bestimmt ein Standardteil für 50 Euro“. Nachdem ich die Wellenkupplung ausgebaut habe, schaue ich in die Ersatzteilliste des Motors. Nicht verzeichnet. Hm. Also Internetrecherche auf dem Handy. Einer verkauft so eine passende Wellenkupplung gebraucht. 130 Euro?! Unglaublich! Bei Faryman, dem Hersteller des Motors, finde ich auch nichts. Ich suche nach technischen Alternativen. Andere Systeme von Wellenkupplungen kosten um die 400 Euro – ohne Montage, natürlich! Langsam wird uns klar, dass das möglicher Weise teurer und komplizierter werden könnte, als wir dachten. Mit Pech brauchen wir einen Mechaniker. Für heute können wir nichts mehr tun. Wir wollen zusammenpacken und zurück fahren.

Das ist aber noch nicht alles…

Als ich das Boot vorne wieder festmachen möchte, versuche ich mit einem großen Schritt auf den Steg zu gelangen. Der Abstand ist zu groß, plötzlich hänge ich zwischen Boot und Steg und kann mich nicht mehr halten. Platsch! Ich liege drin, in voller Kleidung. Zum Glück ist die Brille noch da! Der Nachbar versucht mich raus zu ziehen, aber ich bin zu schwer. Seine Töchter verbeißen sich mühsam das Lachen. Ich drehe um, schwimme zum Heck und klettere über die Badeleiter wieder an Bord. Patschnass, das finde ich eher lustig. Noch.

Dann realisiere ich, dass ich das Iphone in der Hosentasche hatte. Das ist aus und wohl hin. Sicher werde ich das erst morgen wissen. Und später auf der Heimfahrt entdecke ich, dass meine Smartwatch weg ist. Dort wo an meinem Handgelenk das Gummiarmband war, ist jetzt eine Schramme. Vermutlich abgerissen bei der Aktion und gesunken. Sehr ärgerlich!

Ein teurer Sonntag. Und die Sonne haben wir nicht wirklich genossen…. dafür gibt es was zu erzählen und wieder was gelernt.

Wir hoffen, das Ersatzteil noch zu bekommen, schließlich ist der Motor 46 Jahre alt. Hoffentlich! Genauer werden wir es erst in den kommenden Tagen wissen.

Dienstag

Nach vielem telefonieren und Email schreiben scheint sich eine Lösung abzuzeichnen. Der Dehler Händer, das Marina Team in Oldenburg hat eine passende Wellenkupplung für 462 Euro. Stolzer Preis! Außerdem sieht das anders aus als unseres, würde aber passen. Nach deren Aussage ist das Teil auf deren Liste das Original und das bei uns verbaute demnach etwas anderes. Zwei Wochen Lieferzeit, hm. Weil es schnell gehen muss frage ich noch 2-3 andere Adressen an.

Mittwoch:

Schließlich die Erlösung! Unser Lieblings Händler, Törper Marinetechnik in Travemünde, scheint etwas gefunden zu haben. Er kann uns eine passende Wellenkupplung für unsere Dehler Optima 83 tatsächlich anbieten. Und deutlich günstiger und schneller. Törper hat sich die Fotos und Maße genau angesehen und hat echt Ahnung. Lieferzeit nur rd. 5 Tage. Obwohl beide beim selben Lieferanten beziehen. Support your local dealer!

So viel ist klar: Es gibt eine Lösung, kostet halt Geld ;-)

Ach Geld: Nun ist es sicher, das Iphone ist hin! Und heute hat sich der Autoschlüssel, den ich beim „Baden“ in der Hosentasche hatte, auch noch verabschiedet ….. Da wird einem erst mal klar, wie viel „Geld“ man so in der Hosentasche hat. Erstaunlich!

„Ein Segelboot ist ein Loch im Wasser in das man Geld wirft“, wohl wahr!

Was kochen wir so an Bord?

Frisch, leicht, lecker!

Wir essen gerne und wir kochen gerne. Und das heißt für uns: schnell darf es gehen. Qualitative gute, regionale Produkte – gerne Bio. Gesund, lecker und nicht zu schwer. Gerne ungewöhnlich, und das am besten ohne Fertig- oder Halbfertigprodukte. Außerdem vegetarisch. Letzteres hat verschiedene Gründe.

Gebratene Melone? Warum denn nicht Spaghetti?

Klar gibt es auch mal Spaghetti, mal mit Tomatensauce, mal mit Zuccini, mal gebraten mit Ei. Vielleicht haben wir das schon zu häufig gemacht. Immer Salat, Spaghetti & Co kochen – hatten wir satt. Etwas Neues musste her. Marion schenkte mir (uns?) ein Kochbuch. Zwei Jungköche im Wohnmobil quer durch Australien! Schöne Bilder, einfache, schnelle Rezepte. Bingo! Also ähnliche Rahmenbedingungen, weil auch nur 2-Flammen-Kocher, wenig Platz und unterwegs.

Dass man Melone braten kann war mir völlig neu. Aber warum nicht! Es klingt lecker. Die Entscheidung fiel schnell. Doch dabei hätte uns Marion fast in ein feuchtes Grab gesegelt ;-)

Wer sich für das Buch interessiert, hier geht’s direkt zum Buch „Zwei Pfannen on the road“ von GU (Kauft das Buch, wo ihr wollt- das ist keine Werbung oder Verkaufslink, das soll für euch zur Info sein!)

Kann man denn auf dem Boot richtig kochen?

Sehr gut sogar. Wir haben nun einen Kocher, wie wir bereits hier erzählten. Außerdem eine Kühlbox. Die läuft allerdings nur bei Landstrom. Unter der Sitzbank haben wir Vorratsbehältnisse mit haltbaren Zutaten. Geschützt gegen Feuchtigkeit auf dem Boot und Kleintiere. Ganz wichtig – ein Regal mit verschiedenen Gewürzen. Außerdem gibt es eine Spüle unter dem Kocher. Und ein Minimal-Set an Töpfen, Pfannen und Koch-Utensilien. Minimal heißt für uns: Wenig aber gut. Also nicht das Ausrangierte von zu Hause. Denn: wenn ich es es schon zu Hause nicht mehr nutze – dann hat das seinen Grund.

Allerdings hat das Kochen an Bord natürlich immer etwas von „Tetris“ spielen. Man muss sich gut organisieren, denn es ist eng an Bord. Die Zutaten und Kochsachen sind an verschiedenen Stellen verwahrt. Damit nicht genug – alles ist eng gepackt und eineinander gestapelt. Das spart Platz und außerdem rutschen die Sachen bei Lage und Welle nicht herum.

Kochen bei Welle?

In diesem Bericht geht es nicht um eine Atlantiküberquerung und meterhohe Wellen. Hier geht es erst mal um das Kochen bei Tagestörns, am Wochenende oder im Urlaub. Wir reden also vom Kochen im Hafen, am Anleger oder bei ruhigem Wetter vor Anker. Daher geht es hier vor allem um das Kochen wenn man auch einkaufen kann.

Wie proviantieren, wie stauen?

Wer mehr wissen will über das Kochen an Bord – dem sei „Die See kocht“ ans Herz gelegt. Eine liebevoll gestaltete Seite mit dem Schwerpunkt Kochen und Genießen auf kleinen Segelyachten. Vor allem der Abschnitt über die Proviantplanung gibt hilfreiche Hinweise, welchen Proviant man an Bord gut aufbewahren kann. Und mehr noch – wie man den am besten staut, so dass nichts verdirbt oder beschädigt wird.

Wenn wir Euer Interesse geweckt haben – schreibt uns: Das Rezept schicken wir Euch gerne zu!

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Kauf der Dehler Optima 830 – aus Fehlern lernen oder „you learned it the hard way“

Es lief nicht rund! Wir haben einige Fehler bei der Besichtigung und beim Kauf unserer Segelyacht begangen… Dennoch wurde es eine sympathische Dehler Optima 830 aus 1971.

Technische Daten und Zeichnung findet Ihr bei Sailboatdata.com oder hier. Warum wir das Boot dennoch lieben? Dazu lest unseren  Artikel „Der Charme der  70er“.

Unsere Erfahrungen möchten wir an dieser Stelle mit Euch teilen. Hoffentlich ist der eine oder andere hilfreiche Hinweis für Euch dabei. Sonst zum schmunzeln – ist ja „Hafenkino“.

Warum habt Ihr genau das Boot gekauft?

Wir haben zuerst eine Liste der Dinge entwickelt, die uns an einem Boot besonders wichtig sind. Material, Größe, Ausstattung, Preis etc. Diese Liste gab die Richtung vor und war ein wichtiges Hilfsmittel für den Auswahl und den Kauf.

Hilfreich vor allem, wenn man über Boote stolpert, die diesen „Au ja – will ich haben“ – Effekt haben – aber nicht ins Raster passen. Zum Beispiel manche liebenswerte, morsche Holzboote oder die sympathischen schwimmenden Rosteimer mit Motorschaden. Immer dann wedelte Marion mit der Liste ;-)

Gutachter – hätten wir besser einen gehabt!

Wir hatten Kontakt mit einem Sachverständigen im Hamburg. Jens Böckmann von Yachtverstand.com. Sehr empfehlenswert. Er gab uns wichtige Tipps, vielen Dank hierfür! Selbst bei unserem günstigen Boot wäre seine Leistung gut investiertes Geld und vor allem beruhigend gewesen. Das erspart viel Ärger. Der Fachmann bleibt objektiv, während sich der Käufer vielleicht bereits in das Boot „verliebt“ hat. Leider glaubte ich, mich mit Booten gut genug aus zu kennen.

Das Budget

Unser Budget war begrenzt, deutlich unter 10.000 Euro sollten es sein, Wunschpreis war 5.000 Euro. Das ist wenig. Wir setzten auf den schlechten Verkäufermarkt und ein „Schnäppchen“.

Wir besichtigten verschiedene Boote. Zu groß, zu klein, eigenartige Verkäufer oder technische Bedenken. Einer wollte uns sein Boot unbedingt verkaufen, er rief nach der Absage noch mehrere Wochen lang an und bot uns sogar Ratenzahlung.

Der Verkäufermarkt scheint kaputt sein. Übrigens: Im Hamburger Abendblatt war am vor einiger Zeit ein sehr lesenswerter Artikel. Er heißt „Nachwuchsproblem: Gebrauchte Boote ein Ladenhüter“ vom 15.03.2016.

Unsere Wunschliste

In unserer Wunschliste waren unter anderem der Preis, die Größe, Material, Innenborder, Toilette, 5 Schlafplätze, aber auch Ausstattung wie Kocher und Dinette vermerkt. Vor allem war uns neben der Möglichkeit, längere Fahrten zu unternehmen, der Innenraum wichtig. Der Salon sollte sich wohnlich und geräumig anfühlen. Die Dehler Optima 830 hat große Fenster zur Seite und nach vorne.  Da sie außerdem Stehhöhe hat, begeistert uns der Salon immer noch durch ein erstaunlich großzügiges Raumgefühl.

Der Erstkontakt

„Das ist es!“ war unsere erste Reaktion, als wir die Anzeige auf ebay Kleinanzeigen lasen. 6.500 Euro, GfK-Werftbau mit viel Zubehör.

Ich rief an, ein freundlicher älterer Herr. Sympathisch und begeistert. Ich war wohl der erste Anrufer. Leider klappte ein Besichtigungstermin nicht gleich, das Boot stand 250 km entfernt im Winterlager in der Halle in Barth am Darß.

Die Besichtigung

Zwei Monate später die Besichtigung. November. Eine kalte dunkle Halle.

Er hatte einen 1000 Watt-Strahler mit. Wir eine starke Taschenlampe, eine technische Checkliste und unsere Kamera. Der erste Eindruck: aufgebockt wirkt das Boot riesig. Den Rumpf abgeleuchtet, soweit wir heran kamen. Am Rumpf fällt die Beschichtung in großen Flecken ab. Ob das Osmose ist?

Deck Dehler Optima 830

Manches fiel uns bei der Besichtigung auf, vieles davon konnten wir beurteilen. Aber erstaunlich vieles haben wir übersehen oder nicht beachtet.

Unter anderem bemerken wir einen älteren Schaden im Rumpf nicht.

Wir sahen uns die Segel nicht genau auf den Zustand an. Und das Rigg gar nicht…

Unter Deck

Salon Dehler Optima 830

Es ist muffig aber trocken. Gemütlich, geräumig, ordentlich, große Fenster erlauben im Salon einen Rundumblick nach draußen, das kenne ich von keinem anderen Boot.

Die Bilge ist trocken und ohne Öl, sogar staubig. Noch der erste Motor. Er ist alt und leicht ölig, nichts ungewöhnliches. Ach ja, die Zylinderkopfdichtung wurde letztes Jahr neu gemacht. Gut, dachte ich mir, deswegen auch noch der leichte Ölfilm. Später stellt sich heraus, der Motor ölt nach wie vor leicht, qualmt bei hohen Drehzahlen und der Anlasser ist kaputt. Das sollte uns noch viel Zeit kosten, Ärger und Kopfschmerzen bereiten.

Niedergang Dehler Optima 830

Viel Zubehör gehört zum Boot: Eine Handfunke mit SOS-Taste Link 2 von Lowrance, Plotter Raymarine A 65 (hier ein link auf einen Artikel in der Yacht), GPS (alt und nie verwendet), Epirb (abgelaufen – was wir nicht wissen, der Batterietausch lohnt sich nicht!), Lifelines, Leinen, Fender, 3 Gasflaschen, 3 Anker. 2 Landstromkabel, Seekarten, voller Tank ….

Nach eineinhalb Stunden haben wir fertig besichtigt. Wir sind durchgefroren und entschlossen. Das ist es! Nicht nur die Kriterien, Zustand und der Preis passen, vor allem fühlen wir uns auf dem Boot sehr wohl und haben außerdem Vertrauen zum Verkäufer. Auf der Rückfahrt mit dem Verkäufer verhandle ich den Preis. Marion sendet mir von der Rücksitzbank Whatsapp-Nachrichten. Ich soll den Preis nicht so hart verhandeln, denn er ist uns schon weit entgegen gekommen.

Vor dem Kauf

Bedenkzeit fünf Tage – das war gut und wichtig. Die Frist wurde verlängert weil wir auf das Ergebnis der Osmose-Begutachtung und das Angebot für den Neuaufbau des Unterwasserschiffs warten mussten. Nach drei Wochen und viel Recherche und Telefonaten das Ergebnis: Keine Osmose aber das Unterwasserschiff muss gestrahlt und komplett neu aufgebaut werden. Wir einigen uns mit dem Verkäufer darauf, dass er zwei Drittel der Kosten übernimmt. Der Barther Yachtservice gibt das bessere Angebot ab, dennoch mehrere tausend Euro. Und er macht klasse Arbeit!

Der Kauf

Ende Dezember 2016 unterschreiben wir mit dem Verkäufer nach vielen angenehmen Gesprächen den Kaufvertrag. Wir sind glücklich! Der Verkäufer hat Tränen in den Augen, der Verkauf bedeutet den Abschied vom Segeln für Ihn. Das schmerzt uns.

Was würdet Ihr anders machen?

Wie Ihr sehen könnt, haben wir einige schwerwiegende Fehler beim Kauf begangen. Zum Glück sind diese aber gut ausgegangen. Das hätte auch richtig ärgerlich und teuer werden können. So hat es uns „nur“ einiges an Sorgen und schlaflosen Nächten bereitet.

Großer Fehler: Trocken kaufen ohne Wassern, ohne Probesegeln. Den Motor, das Rigg, die Segel und das Ruder haben wir nicht ausreichend, eigentlich gar nicht auf Funktion geprüft. Das Boot stand ganz hinten in der Halle, das wäre erst im April was geworden. Dazu waren wir zu ungeduldig. Nicht nachmachen! Oder wenn, dann bitte nur mit entsprechenden Vorbehalten im Kaufvertrag mit Rücktritts- oder Preisminderungsklausel.

Auch wenn sich der Verkäufer wehrt und das Geld und Mühen und viel Fahrerei bedeutet. Es lohnt sich. Wir vertrauten auf die Ehrlichkeit des Verkäufers und wurden zum Glück nicht enttäuscht. Was wir aber nicht beachteten – was ist, wenn er manche Dinge selbst nicht gesehen hat?

Falls Ihr selbst Euer erstes Boot gebraucht kaufen wollt – hier unsere Tipps:

Viele der Punkte sind sicherlich nicht neu. Rückblickend waren es aber für uns die Wichtigsten. Und die wollen wir Euch nicht vorenthalten! Hier unsere Erkenntnisse:

Welches Boot brauche ich?

Macht Euch vorher genaue Gedanken wozu das Boot dienen soll. Binnensee oder Meer? Welches Revier? Einhand und/oder mehrere Segler? Das entscheidet über Größe, Ausstattung und Preis. Lasst Euch Zeit dafür, das lohnt sich und „hält Euch auf der Spur“. Schriftlich fassen mit Prioritäten.

Wählt das Boot groß genug, aber klein genug um es alleine oder mit kleiner Crew zu segeln! Berücksichtigt unbedingt Eure eigene Segelerfahrung und die – wenn vorhanden – Eures festen Segelpartners! Wenn Ihr keinen festen Segelpartner habt, denkt an das schwächste Glied in der Kette. Oder plant gleich Einhand. Denkt dabei auch an Schlechtwetter/Starkwind und Hafenmanöver. Ich stand auf einem Boot mit knapp 10 Metern Länge, das war einen halben Meter breiter als unseres jetzt, und dachte mir: „Nein, das ist mir für den Anfang zu unhandlich“. Unser Tipp: 27 Fuss ist ideal für den Anfang. Bietet viel und die Auswahl ist zu moderaten Preisen groß.

Schaut Euch mehrere Boote an, auch solche, die nicht unbedingt in Frage kommen. Das schult den Blick auf das Wichtige! Und es wirft technische Fragen auf, die Ihr danach klären könnt und so viel dazulernt!

Technik und typische Schäden:

Beschäftigt Euch mit technischen Dingen wie Osmose, Motor und  Technik. Besorgt Euch dazu am besten eine technische Checkliste für den Bootskauf. Ich fand die Hinweise und die Liste von boot24.com sehr hilfreich.

Sprecht mit Bootseignern. Ein guter Freund von uns gab uns viele Hinweise zum grundsätzlichen Kaufabwicklung und zum Motor. Das half sehr!

Schaut nach Erfahrungsberichten über den Bootstyp und recherchiert typische Schäden. Die Zeitschrift Palstek hat umfangreiche Tests im Archiv und digital auf Abruf für wenige Euro.

Ich finde nach wie vor die älteren GfK-Werftbauten sehr überzeugend. Das GfK ist teilweise zwei Zentimeter stark! Ein gutes Gefühl. Stabil wie Stahl aber rostet nicht ;-).

Wenn Ihr bisher schon viel gesegelt seid und handwerklich geschickt seid ist das sehr gut, eine klasse Basis. ABER – das reicht nicht! Da gibt es so viel, was Euch bei der Besichtigung auffällt und Ihr möglicher Weise nicht deuten könnt. Immer wieder die Frage: Ist das schlimm oder normale Alterung? Und wenn es schlimm ist, was kostet die Reparatur? Deswegen: Fachmann oder Gutachter mitnehmen. Außerdem sind es zwei Augen mehr!

Schaut Euch die Geschichte des Bootes an. Vorbesitzer, Dokumentationen etc. Die Dokumentation sagt viel darüber aus, wie der/die Voreigner das Boot behandelt haben. Gibt es technische Zeichnungen? Schaltkreise? Bedienungsanleitungen? Rechnungen über Motorwartung? Reparaturen? Was wurde kürzlich investiert? Nur jemand, der sein Boot halten und pflegen will, steckt Geld in neue Segel oder die Zylinderkopfdichtung. In unserem Fall war die Dokumentation, so weit ich das beurteilen konnte, über Jahre vollständig. Ein sehr gutes Zeichen!

Wenn Ihr längere Schläge vorhabt oder auch Einhand unterwegs sein wollt, ist ein Pinnenpilot (oder für noch längere Schläge -Windfahnensteuerung) eine sehr sinnvolle Anschaffung. Das verschafft Euch Zeit zum Segel setzen oder auf das Wasser blicken. Unserer ist der Raymarine ST 1000.

Zum Kauf:

Kauft nicht spontan! Durch den schlechten Verkäufermarkt solltet Ihr für einige Jahre mit dem Boot zufrieden sein. Kurzfristig ohne größere Verluste verkaufen wird kaum möglich sein.

Kauft ein Viertel unter maximal Budget, den Rest braucht Ihr für Ungeplantes wie Reparaturen, fehlende oder defekte Ausstattung. Oder zusätzliche Wünsche. Außerdem kommen sofort die ersten regelmäßigen Ausgaben wie Liegegebühren, Mitgliedschaften und Versicherungen. Macht Euch hierzu einen Budgetplan, den Ihr jeweils auf das aktuelle Boot anpasst. Eine einfache Excel-Liste reicht. Wir selbst haben für die Zusatz Ausgaben zu wenig Geld veranschlagt.

Kauft von vertrauenswürdigen Personen. In unserem Fall ein älterer Herr der das Segeln aufgab. Vorteil, die lieben und pflegen meistens Ihr Boot. Nachteil, sie lieben es und sehen es nicht objektiv. Der Geschäftsführer der Werft sagte kopfschüttelnd und mit strafendem Blick später zu mir: „Bloß nicht von alten Männern kaufen, die lieben doch ihr Boot!“

Nach dem Kauf:

Nach unserer Einschätzung hat Pantaenius in Hamburg gute Boots-Versicherungen. Wir wurden dort sehr gut beraten und haben ein gutes Angebot bekommen.

Nach dem Kauf kommt der Betrieb und der Unterhalt, hier geht es direkt zum Artikel über die Unterhaltskosten 2017.

Fazit:

Unsere Wunschliste war ein Segen. Wir wussten genau, was wir suchten. Und wir haben gefunden, was wir gesucht haben. Nach mehr als 400 gesegelten Meilen sind wir begeistert. In der Realität passen die Wünsche und Vorstellungen ideal damit zusammen, was wir bekommen haben. Mehr Boot war für rund 7.200 Euro nicht zu erwarten. Mehr noch: Wir sind absolut glücklich und überzeugt von unserer „alten Dame“, trotz des Alters und der kleinen und großen Macken.

Obwohl wir von unserem Vorgehen überzeugt waren, haben wir im Rückblick leichtsinnig gekauft. Wir hatten lange nicht genug Kenntnis und keinen Fachmann mit. Wir kauften trotz aller Ratschläge „ungesegelt und trocken“. Den defekten Anlasser hätten wir so z.B. so schon vor dem Kauf gemerkt.

Trotz allem sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen! Vieles würden wir heute anders machen. Wir haben viel dazu gelernt ;-)

Nachtrag: Anmerkungen und Erfahrungen nach zwei Jahren Betrieb

Kritikpunkte

Der originale Faryman Motor ist zwar relativ robust, es gibt für die Ersatzteile allerdings nur noch einen Händler in Deutschland und der bekommt auch nicht mehr alle Ersatzteile. Was man bekommt ist sehr teuer. Ventile, Kolben, Abstreifringe sollen angeblich  nicht mehr lieferbar sein. Da hörte ich von einem Motorenfachmann für Faryman in Hamburg als ich überlegte unseren Motor nach dem Feuerlöscher Schaden nochmal in Stand zu setzen. Wie es dazu kam, dazu gibt es hier einen Artikel mit Video. Der Restmotor steht hier noch rum, wer Interesse hat, bitte melden….

Als die Einspritzpumpe kaputt ging, habe ich die letzte Bosch Einspritzpumpe aus dem Ausland kaufen müssen, und die war natürlich sehr teuer.

Der Motor ist übrigens – nicht wie heute üblich auf Stellfüßchen gelagert, ein justieren des Motors auf die Welle ist damit fast nicht möglich. Nur an den vorderen Auflagern kann man durch zusätzlichen Metallplättchen den Motor etwas anheben. Die hinteren Auflager sind liegende Bolzen, hier ist ein Einstellen theoretisch nur über das Verbiegen der Bolzen möglich, das sollte man aber lassen, weil die brechen können.

Die Gummi-Wellenkupplung hält ca. 15 Jahre, dann wird diese rissig und reisst irgendwann ab, vor allem, wenn sich die Motorlager gesetzt haben. Die Kupplung kostet je nachdem wo man kauft 300 – 400 Euro! Also nachsehen, ob diese noch rissfrei ist.

Vom Salon aus sind manche Punkte des Motors z.B. Ölfilter links unten oder Anlasser rechts hinter der Sitzbank nur blind erreichbar. Ausserdem ist das sehr eng und schlecht zugänglich.

Motorenspezialisten hassen oder lieben den alten Motor. Nicht jeder traut sich da gerne ran. Also sollte man am besten einen guten Schrauber finden, oder alles selbst machen.

Das Deck ist eine Sandwichkonstruktion, wir haben eine weiche Stelle an Deck. Die Sprayhood ist nur in das GfK stumpf eingeschraubt, ohne die Schraubenlöcher einzudichten oder Bolzen als Aufnahme richtig einlaminiert zu haben. Am Mastfuss war direkt ein Feuchteeintrag in den Sandwich, der Kern ist Balsaholz. Da müssen wir noch ran, wir werden das durch Injektionen versuchen zu beheben. Falls das nicht geht, müssen wir den Sandwich öffnen und den Kern durch eine Hartschaumeinlage in diesem Bereich ersetzen. Dann ist aber auch die Antirutsch-Struktur auf dem Vorschiff in dem Bereich beschädigt. Die müsste dann ganz runter und durch eine neue Antirutschbeschichtung ersetzt werden. Und das Deck und die Laufflächen müssten neu lackiert werden. Das wäre ein grösserer Eingriff.

Die Vorschiffskoje ist recht niedrig und recht eng, und auch nicht sehr lang. Ich bin 178 cm groß, das ist knapp für mich in der Länge (jedenfalls zu zweit). Das WC hat zum Vorschiff keine Türe und nur einen Vorhang, was je nach Befindlichkeit nachts ein Thema sein kann. Zum Salon allerdings gibt es eine Türe.

Wer auf Gas als Brennmaterial besteht, sollte die Gasanlage prüfen. Ist ein Prüfbuch vorhanden? Falls nein: Vor allem nachsehen, ob ein abnahmefähiger Gasschrank eingebaut ist. Bei unserem Boot war das eine nicht abnahmefähige Konstruktion aus orangem Kanalrohr und die Gaszuleitung zum Kocher ging als Metallleitung direkt durch den Motorraum. Wir haben jetzt einen zweiflammigen Spiritus-Origo-Kocher und sind damit zufrieden.

Die Fenster sollen, was wir hörten, häufig undicht sein. Da lohnt sich ein Blick oder besser noch ein Test. Unsere waren neu, das soll relativ aufwändig sein, die zu erneuern.

Die Einlässe und Auslässe sollten durch Kugelventile ersetzt werden, die Beleuchtung durch LED.

Positiv

Gute Segeleigenschaften! Das Boot geht weich durch die Welle und ist stabil und gutmütig. Allerdings ist das Großfall und die Winsch am Mast. Segel setzen, reffen und bergen muss also auf dem Vorschiff gemacht werden.

Man kann zuerst das Vorsegel setzen und hart am Wind in dessen Windschatten und gelöster Großschot das Großsegel setzen. Dadurch geht das Boot weich durch die Welle und man hat auf dem Vorschiff beim Hantieren am Mast mehr Ruhe.

Das Boot ist im Salon hell, geräumig und sinnvoll eingerichtet. Wir lieben die Dinette-Lösung, das ist aber Geschmacksache. Es ist Stehhöhe im Salon. Für mich mit 178 cm Größe reicht das. Man kann im Sitzen, vom Tisch aus, aus dem Boot herausgucken. Durch die Frontscheibe ist auch ein Aufenthalt im Salon mit Pinnenpilot und Blick nach vorne während der Fahrt theoretisch möglich.

Die Plicht ist gross und lang, einer kann während der Fahrt bequem liegen. Grosse Backskisten. Eine schmale aber ausreichende und tiefe Hundekoje. Staumöglichkeiten sind ausreichend und durchdacht. Es gibt eine Pumptoilette im vom Salon abgetrennten Bereich.

Der originale Faryman Motor ist mit 10 ps nicht üppig, aber ausreichend motorisiert. Der Motor ist robust und sparsam. Zum Motor und  Ersatzteilen habe ich ja weiter oben schon was gesagt. Der Motor ist, wenn Original, fast 50 Jahre alt.

Was toll ist, der Mast kann gut mit 2-3 Personen mit Muskelkraft ohne Kran gestellt werden, dank der gelenkigen Bolzenbefestigung zwischen Mast und Mastfuss. Die mittleren Babystagen  lösen aber dran lassen. Zwei Mann stabilisieren, einer  zieht am Achterstag oder gibt Lose am Vorstag … Das wars!  Eine schnelle Sache. Das mit den Babystagen wussten wir noch nicht, wir haben alles gelöst und dann zu dritt gelegt, ging auch.

Original hat die Optima 830 und die 850 einen Innensteuerstand, was sich auf ein Steuerrad beschränkt. Durch die Frontscheibe eine tolle Sache. Bei uns fehlt der Steuerstand allerdings, schade. Bei den langen, teils nassen und kalten Überführungsfahrten im Frühjahr und Herbst haben wir den schon das eine oder andere Mal vermisst.

Trotz aller kritischen Anmerkungen, es ist ein tolles Schiff und wir lieben es! Wir würden den Typ jederzeit wieder kaufen. Das liegt vor allem an der Qualität, der sinnvollen Ausstattung und den tollen Segeleigenschaften.

Habt Ihr Ähnliches erlebt? Was sind Eure Erfahrungen? Was denkt Ihr dazu?

Schreibt uns einen Kommentar, wir freuen uns und antworten gerne!

Wie muss ich mir eigentlich so einen Tag auf dem Boot vorstellen?

Szenen und Ausschnitte

Manche Menschen finden segeln vielleicht langweilig, das mag sein. Warum das für mich nicht so ist, hatte ich ja bereits erzählt. Manchmal ist es weniger das Segeln selbst, sondern die Gespräche oder Situationen.

Es ist das Miteinander, was an manchen Tagen spannender ist als an anderen. Das hängt zum einen von mir selbst, aber auch vom anderen ab. Manchmal ist man nicht gesprächig, man segelt also schweigend. Schaut aufs Wasser, hängt seinen Gedanken nach, döst in der Plicht während der andere steuert.

Gespräche an Bord…

Aber wenn dann mal gesprochen wird, kommen teils lustige Situationen dabei raus. Doch seht selbst!

Übrigens: auch wenn ich die Worte beisteuere, die Idee für den Inhalt des Videobeitrags, die Auswahl der Filmsequenzen, der Schnitt, das Zusammenfügen – das alles hat Marion gemacht. Nicht dass mir da etwas unterstellt wird ….

Viel Spaß damit!

PS.: Schreibt uns, was Euch interessiert. Stellt uns Fragen! Wovon wollt Ihr mehr sehen oder lesen? Hinterlasst uns sehr gerne einen Kommentar. Wir freuen uns darauf!

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Der Kocher

In der Verkaufsanzeige stand „2-Flammen Gaskocher mit 2 Gasflaschen. Eine davon noch voll“. Prima dachten wir uns, genau was wir brauchen.

Bei der Besichtigung sagte uns der Verkäufer, dass die Gasprüfung gemacht werden müsste. Ach und überhaupt, er habe den selten benutzt. Na gut. Ich kannte das vom Wohnwagen. Gasprüfung – kein Ding. 40 Euro Prüfgebühr und fertig. Aber das kam dann anders…

KAFFEE KOCHER PROVISORIUM

Als das Boot in der Werft war, fragten wir den Preis an. „400 Euro – alles muss neu“ – war die Antwort. Damit hatten wir nicht gerechnet! Der Kocher war uns sehr wichtig, aber andere Sachen – wie das Unterwasserschiff – hatten Vorrang.

Der Kocher widersetzte sich allen Reparaturversuchen beharrlich. Also beschlossen wir, vorerst mit einem vorhandenen Campingkocher zu kochen.

Der Sturmkocher aus dem Keller wurde heraus gekramt. Draussen kochen klappte gut, aber eben nicht gern. Allerdings: Kaffee kochen ging damit nicht, jedenfalls nicht wie vorhanden. Die Aufnahme am Kocher war zu groß für die Espressokanne, diese wäre einfach hindurch gerutscht.

Lösung frei nach Apollo 13: Abgehängt mit Zurrgurt vom Baum.

Das Draußen-Kochen fing aber dann nach zwei Wochen doch an zu nerven – gerade morgens das Gefummel an der Aufhängung.  Und das noch vor dem ersten Kaffee …

Wir standen vor der Frage: Welchen Kocher wollen wir, und wie?

Gaskocher Spüle Kombi

Im Wesentlichen gibt es nur die Wahl zwischen Gas und Spirituskocher an Bord. Naja und dann so Exoten wie Pasten und Diesel. Uns war schnell klar: Mit einem Gaskocher können wir uns nicht anfreunden, alleine schon wegen der Gasflaschen, die man nicht überall bekommt – denn wir wollen ja mit Sleipi bald um die Welt ;-). Außerdem sollte der geprüft werden, und dazu braucht es einen regelmäßigen Schlauch-Tausch, einen  Prüfer – und ja: Auch einen neuen Gasflaschenschrank im Heckspiegel. Außerdem bleibt das Rest-Risikos einer Explosion.

Unsere Anforderung an den neuen Kocher war: er müsste günstig und schnell – zumindest als Provisorium – gekauft und eingebaut werden können und zwei Flammen haben. Außerdem sollte der Brennstoff überall und einfach zu beziehen sein.

Unsere Wahl fiel auf einen mobilen 2-flammigen Spirituskocher. Günstig, transportabel – und nur mechanische Teile, also nicht kaputt zu bekommen. Den Brennstoff bekommt man in jedem Supermarkt – perfekt!

SPIRITUSKOCHER PROVISORIUM Origo 3000

Ich besorgte als Provisorium eine OSB-Platte als „Arbeitsplatte“, schnitt eine Aufnahme für den Kocher heraus. Der Kocher sitzt bombenfest und kann bei Lage nicht rutschen oder herausfallen – so bleibt das nun erstmal bis zum Winter. Dann wird der alte Kocher aus der Edelstahlspüle herausgeschnitten, und der jetzige Kocher in der dort entstandenen Öffnung eingesetzt. Solange haben wir eben ein Dauer-Provisorium.

Fazit:

Der Kocher ist pflegeleicht und unproblematisch, allerdings geht das Kochen nicht ganz so schnell wie auf Gas, denn der Brennwert vom Spiritus ist geringer. Dafür ist der Kocher auch jederzeit mit zu nehmen, auf die einsame Insel, ins Rettungsfloss … oder wohin auch immer. Der Kocher fasst 1,2 Liter Spiritus in zwei Flammen, das soll für 4-5 Stunden Brenndauer reichen.

Der viel diskutierte Spiritusgeruch ist für uns nicht wahrzunehmen. Allerdings riecht der verbrannte Spiritus gewöhnungsbedürftig. Uns stört das nicht mehr.

Für uns war der Kocher die perfekte Wahl. Wir sind glücklich nun drinnen wieder echte Gerichte zu kochen – und der erste Kaffee kann nun auch wieder im Schlafanzug gemacht werden…

Außerdem soll der Kocher auch bestens als Heizung funktionieren!

Ein Kurzurlaub.

In Hamburg tagte G20 – das haben wir zum Anlass genommen, die Stadt zu verlassen. Mittwoch Abend ab zum Boot. Wohin? Mal sehen…Hauptsache weg! In den Kurzurlaub.

Die unfassbaren Sachen, die wir über Hamburg gelesen, gesehen und gehört haben, haben uns das ganze Wochenende begleitet. Leider. Daher ist unser Bildmaterial nicht grenzenlos umfangreich. Und ehrlich gesagt, mir fällt das schreiben auch heute noch nicht so leicht. Das merkt man bestimmt. Wie soll ich locker über Sonne, Wellen und Wind schreiben, wenn wir das ganze nicht genießen konnten?

Yachthafen Grömitz

Der Plan war nach Fehmarn, der Wind hat entschieden, das wird nix. Also ab nach Grömitz, soll ja auch schön sein. Hanno schwärmt ja immer von der Disco. Hanno, 78: unser Stegnachbar. Ein alter Segler, der  den ganzen Sommer auf seinem Boot verbringt und immer was zu erzählen hat. Angekommen gegen Nachmittag war der Hafen schon voll. Wir hatten schon nur noch einen Platz an der Mole. Je später der Abend wurde, um so mehr fuhren ein –  am Ende lagen fast alle im Päckchen.

Motorboot mit Lichterketten

Ach ja, ich muss es doch erwähnen ;) kennt ihr das: wenn ihr südlich von Hamburg auf den Landstrassen fahrt (so Richtung Celle zBsp), da stehen doch immer diese Busse herum, mit rotem Licht und so. Kennt ihr die? So könnte das als Motorboot – Variante aussehen…

Es regnete und es war kein Segelwetter.

Dann war Samstag

Das Wetter sollte besser werden. Endlich weiter, ab nach Boltenhagen.

Ordentlich Wind war angesagt, also tauschten wir die Genau gegen eine Fock und refften das Groß. 25 sm lagen vor uns. Immer wieder begleitete uns das Thema Hamburg, die Krawalle, und trübte den Urlaub.

Gegen nachmittag ließ der Wind nach. Kurz vor Boltenhagen wollten wir Ankern. Wie ihr wisst, wir haben keinen richtigen Tiefenmesser. Also müssen wir uns auf unseren Plotter verlassen – was mich immer ein wenig stresst. Nun gut, ein Platz gefunden, Anker runter und… 0,3 kn Fahrt, 0,4, 0,6…bei 1 kn Fahrt bat ich dann doch, den Anker wieder hochzuholen und es für heute bleiben zu lassen. Vor Anker sollte man keinen Knoten Fahrt machen… Also weiter nach Boltenhagen. Auch dieser Hafen war ziemlich voll. Ob das doch am G20 lag? Viele Hamburger wollten ja die Stadt verlassen.

Wir fanden ein Plätzchen, meldeten uns an, kochten und ab in die Falle. Der Tag war anstrengend und am nächsten Tag wollten wir früh los, es sollte nur schwachen Wind geben. War auch so – Christoph konnte baden gehen, ohne dass wir vor Anker lagen. Nix, nada, null, niente. Was sich gegen späten nachmittag kurz vor Travemünde allerdings wieder änderte. Der Wind frischte auf und es war feinstes segeln.

Ein Wochenende voller Gedanken lag hinter uns, schöne Tage mit unschönen Meldungen. Ich hoffe, ihr habt das alles gut überstanden…

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Abendstimmung im Hafen

Eine anstrengende Woche lag hinter uns. Wir erreichen Travemünde auf unserer Flucht vor dem G20 Gipfel an einem Mittwoch Abend.

Endlich wieder am Wasser, am Boot, angekommen im Hafen. Ankommen. Nach Hause kommen. Der Geruch nach Wasser und Modder. Wieder an Deck. Möwengeschrei. Boote kommen von einem langen Segeltag herein. Fähren fahren zwischen dem Priwall und Travemünde hin und her. Große Fähren fahren ab nach Finnland und quetschen sich durch die enge Trave hindurch. Schon lange wollte ich diese Abendstimmung einfangen. So klettere ich auf den Metalldalben am Steg, baue Stativ und Kamera auf und lasse eine Langzeitaufnahme laufen. Dort oben stehe ich dann 50×50 cm in ca. 3,5 Metern Höhe. Stehe dort für eineinhalb Stunden. Lehne am Geländer und betrachte die Szenerie. Und erst durch das Betrachten kann ich Abstand nehmen vom Büro, von der Arbeit, von Hamburg. Ich komme zur Ruhe.

Als ich das schreibe sind wir in Grömitz. Es ist der Freitagabend vom G20 Gipfel in Hamburg. Die erschütternden Bilder von hirn- und sinnloser Gewalt in Altona wollen mir nicht aus dem Kopf gehen.

Vielleicht können die Bilder etwas Ruhe und Entspannung zu Euch bringen.

Kommt gut durch die Nacht!

Edit 01.08.2017: leider wurde der ursprüngliche Beitrag mit Spamkommentaren zugemüllt. Daher mussten wir ihn neu einsetzen. Leider wurden auch die dazugehörigen schönen Kommentare gelöscht. Schreibt doch bitte neue! Aber wir hoffen, das löst das Problem!

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Hafenmanöver

Hafenmanöver – so ziemlich jeder Skipper bekommt Respekt, wenn er das hört. Und meist ist es ein Garant für feinstes Hafenkino. Vor allem bei Pärchen. (Leider) das Standard Drehbuch:
Er am Ruder, bei der Anfahrt noch total gelassen. Bei der Annäherung an die Box wird er zusehends angespannter. Sie bereitet schon mal die Fender vor, sich jederzeit rückversichernd, dass alles passt. Er steuert, sie hüpft mit einem Fender über das Vorschiff, um Zusammenstöße mit Dalben, anderen Booten oder ähnlichen Hindernissen zu vermeiden. Er wird hektisch und lauter ‚pass auf, Steuerbord, STEUERBOOOOORD!‘, sie schaut hilflos Richtung Steg, Stoßgebete schickend „lass jemand da sein, lass jemand da sein“… Segler kennen das Szenario. 


Es nützt ja nix – ein Boot muss halt auch mal in den Hafen. Also heißt es üben, üben, üben.
Und jetzt war es für mich soweit, ich will Sleipi ja auch rein – und rausbekommen. Schliesslich bin ich Seglerin, nicht Fendermaus. Bei Christoph fluppt das schon wie nix, mein Ehrgeiz ist geweckt…


Viel Spaß beim Hafenkino!

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Das Problem:

Der Schalthebel war in unserem Boot ungünstig zu erreichen – eine Lösung musste her. Es ist eine alte Dehler Optima 830 (Bj 71). Der Schalthebel sitzt mit dem Gashebel direkt vor dem Niedergang. So etwa zwei Schritte vom Ruder entfernt und ziemlich weit unten am Boden. Außerdem ist dazwischen die Travellerschiene in Kniehöhe.

Plicht Dehler Optima 830 Schalten

Also: Will ich schalten, muss ich einen weiten Schritt über die Travellerschiene machen und mich herabbeugen. Dadurch kann ich beim Rangieren im entscheidenden Moment nichts sehen und auch das Ruder nicht gut erreichen. Du siehst das auf dem Bild links. Außerdem höre ich dann keine Rückmeldung.

Allerdings muss ich in dem Moment sehen und hören können. Das sorgt für Unruhe. Und es kostet Zeit. Zeit, die ich brauche, um die Lage in dem Moment richtig einschätzen zu können.

Eine Lösung musste her. So habe ich mich ans Tüfteln gemacht.

Und hier ist eine Lösungsmöglichkeit:

Ein einfaches, selbst gebautes Gestänge zum Aufstecken auf den Kupplungshebel. Hierzu habe ich die auf dem Bild sichtbare Kugel abgedreht. Dann ein Alurohr im passenden Durchmesser besorgt, und mit einem simplen, selbst gebauten Gelenk versehen. Daran ist ein zweites Rohr befestigt, welches ich dann in der Hand halte.

Schaltung Dehler Optima 830 DetailaufnahmeDadurch ist der Schalthebel so verlängert, dass ich am Ruder stehend schalten kann. Nun kann ich schalten und aufstoppen ohne „Abzutauchen“. Ich habe immer alles im Blick und höre beim Anlegen die Rückmeldung meiner Mitsegler. Auch Einhand ist diese zwar eine kleine aber wichtige Verbesserung.

Diese einfach zu fertigende Lösung sorgt für viel weniger Stress im Hafen. Alles was ich brauchte habe ich für unter 10 Euro im Baumarkt bekommen. Diese simple Lösung macht mir viel Spaß.

Wenn Dir diese Lösung Anregungen gegeben hat, dann freut mich das sehr. Hat Dir das geholfen? Dann hinterlasse mir gerne einen Kommentar!

Hast Du für Dein Boot, oder vielleicht sogar für eine Dehler Optima eine ähnliche, einfache Lösung entwickelt? Schreib mir!

Wenn Du es genauer wissen will, hier das Video über Problem und Lösung:

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Kennt Ihr den alten Film mit Tom Hanks über die Beinahe-Katastrophe bei der Mondmission Apollo 13?

Zum Film:

Darin gibt es die Szene, in der verschiedene technische Geräte – ich glaube die Lüftung – an Bord ausfallen. Hilfe gibt es nicht, Ersatzteile auch nicht. Die Lage erscheint aussichtslos! Um den Astronauten dennoch zu helfen, gibt es eine Krisensitzung in der Kommandozentrale auf der Erde. In dessen Verlauf wird beschlossen  mit einfachen Mitteln – falls das geht – den schlimmsten Schaden zu beheben. Dazu müssen sie erst eine Lösung finden und dann versuchen, den Astronauten zu erklären, wie sie den Schaden nur mit Bordmitteln (!) beheben können.

Es wird überlegt, welche Teile an Bord in Frage kommen. Die zugänglich oder entbehrlich für das Überleben sind. Wie sie verbaut sind und ob diese demontiert werden könnten. Die Mechaniker werden angewiesen diese demontierbaren Teile zusammenzusuchen und herbeizubringen. Auf dem Besprechungstisch werden diese Bauteile aus einem Karton geleert. Mechaniker und Projektingenieure machen sich daran eine Lösung zu entwickeln.

Nach langem Probieren und Abwägen finden sie gemeinsam eine Lösung. Ein Bauteil, das die Astonauten hinter einer Verkleidung ausbauen können, dient als Adapter für ein anderes lebenswichtiges Aggregat. Klar – ein Aggregat funktioniert dann nicht mehr, aber das ist weniger wichtig. Über Funk wird den Astronauten erklärt, was sie wie und wo ausbauen müssen. Wie sie das dann mit was zusammensetzen müssen. Natürlich mit viel Klebeband! Es funktioniert – und die Mission geht glimpflich aus.

Eine Szene die mich damals schon fasziniert hat. Improvisieren eben. Mit Bordmitteln und Fantasie. Aus einer unmöglich erscheinenden Situation heraus kommen. Auf Leben und Tod, unter extremem Druck und harten Bedingungen.

Und was hat das jetzt mit Segeln und einem Boot zu tun?

Was hilft an Bord? Naja, nur das was man eben dabei hat!

Und wenn es nur ein Tagestörn ist, da draussen bist Du erstmal auf Dich gestellt. Und unter uns – segeln wir nicht auch deswegen, um uns zu beweisen? Klar: häufig hilft WD 40, Kabelbinder oder Klebeband. Oder eben was so an Bord vorhanden und entbehrlich ist. Wenn Du draussen bist und etwas kaputt geht, hast Du nur Dich, Dein Wissen, Deine zwei Hände, etwas Werkzeug und Deine Fantasie – und eben was man abschrauben kann oder in den Backskisten findet.

Mit Glück hast Du noch jemanden mit dem du dich handwerklich beraten kannst und der mit anpackt – welch ein Glück habe ich! Das ist ja heute schon die Ausnahme unter den Menschen – und erst recht bei den Damen… Da bin ich mit einer handwerklich begabten Freundin reich beschenkt!

Das Boot ist von 1971.

Ein Jahr jünger als wir. Ich lasse die Augen wandern, mein Blick bleibt an den alten Bauteilen des Schiffs hängen. Darin erkenne ich auch heute noch die Qualität. Spüre sie, sehe sie, aber noch mehr merke ich sie am würdigen Altern der Bauteile. Ich nehme den Charme der 70er wahr.

Gehe ich den Niedergang hinunter, gleiten meine Hände über den Rahmen des Steckschotts. Eichenholz. War mal lackiert. Jetzt ist der Lack rissig und spröde. Dort wo der Lack schon von den Händen der Voreigner durch das viele Greifen und Anfassen abpoliert wurde, erscheint das blanke Holz wieder. Die Poren dunkel gefüllt, das Holz speckig, an den Kanten wie fein poliert und glatt.

Die Winsch, ehemals verchromt, ist durch die Leinen, getränkt mit Salz und Sand, über die Jahre bis auf das Messing blank poliert. Der Chrom ist rissig und blättrig geworden, stumpf und müde. Das Messing darunter jedoch ist glänzend und bildet mit feinen Linien den Lauf der Leinen über das Metall ab.

Überhaupt, das ganze Boot strahlt eine Behäbigkeit und leichte Staubigkeit aus. Den Charme der 70er. Das dunkle Holz, die gemusterte Resopalplatte auf dem Tisch, wie der erste Küchentisch, an den ich mich erinnern kann. Die Messinglampe, dieses Schirmmodell der frühen elektrischen Schreibtischlampen aus den 30ern.

Verchromter Rahmen, Füllung aus schwarzem stumpfem Kunstleder, ein Aschenbecher zum heraus klappen. Eingebaut in die Seitenverkleidung, wie in den Autos meiner Kindheit.

Der Motor, ein alter Diesel – der erste Motor noch (!) – ein Modell das viel in Baumaschinen verbaut wurde. Als ich zum Schlüsseldienst ging, im Gewölbe seitlich unter der Petrikirche und dem Inhaber, so alt wie die Kirche, den Schlüssel hinhalte, fragt er: „Trecker?“

Wenn der Motor startet schüttelt sich das ganze Boot unter den Bewegungen des Motors. Grundsolide Technik und einfach. Keine Elektronik. Kurbel zum Anwerfen, falls der Anlasser nicht geht. Massiv, schwer und wuchtig. Wenn er läuft ist das ein Tuckern, bei dem man jede Zündung noch zählen kann. Ein beruhigendes tucktucktuck.

Es fasziniert und beruhigt mich, dass dieses Boot vor 46 Jahren mit der Qualität gebaut wurde, die es auch heute für mich noch so wertvoll macht.

Die Genua ist bereits eingerollt. Kaum noch Wind. Der Strand ist etwa 300 Meter entfernt. Wir wollen Ankern. Das erste Mal mit unserem Boot. Wir treiben eher als dass wir fahren. Wegen des fehlenden Tiefenmessers schätzen wir die Tiefe an Hand der Tiefenlinien auf dem Plotter ab. 15 Meter, 10 Meter. Kurz vor der 5 Meter Linie drehen wir das Boot in den Wind. Ich gehe auf das Vorschiff, prüfe Anker und Kette und Leine. Alles in Ordnung. Der Anker platscht ins Wasser. Er sinkt schnell und wird durch das Wasser grünlich und mit leichten Lichtreflexen und Wellenmuster versehen. Die Kette rauscht durch meine Hände. Dann der Schäkel, die Leine. Auch diese gleitet flink in die Tiefe. Bei etwa 7 Metern findet der Anker Grund. Trotzdem rauscht die bleigefüllte Leine schnell hinterher. Noch etwa zwei Mal so viel Leine hinterher und belegen. Groß runter, Auftuchen. Leinenkontrolle am Anker. Alles scheint zu stimmen. Der Plotter zeigt nach wie vor einen Punkt, wir stehen.

Das Ufer, ein schmaler Streifen Sand, etwas Sandabbruch an der bewachsenen Düne. Hohe, alte Bäume darauf. Wenige Dächer hinter den Bäumen zu erkennen. Schön, dass der ehemalige Oste am Strand unbebaut und naturbelassen blieb. Findlinge, Sand, Strandmuscheln, Kinderjohlen. Sommerstimmung. Wenige Menschen und sehr fern. Nur vom Aussehen und der Wasserfarbe her, könnte die Küste auch weit entfernt in einem anderen Land sein. Es fühlt sich sehr nach Urlaub an.

Viel weiter entfernt in der anderen Richtung ein Motorboot. Das Plätschern am Schiffsrumpf ist viel näher, unmittelbarer. Mit dem leichten Wiegen des Schiffes, ist es das, was mich in das hier und jetzt versetzt und ganz still werden lässt. Ich spüre dem Wiegen nach. Das Wasser sieht in der blassen Sonne nach Baden aus. Badeleiter ausgeklappt. Füsse hinein, es geht eigentlich. Erst bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Knien. Ich ziehe mich aus und tauche hinein. Es ist kühl aber angenehm. Es beruhigt, kühlt und verstärkt das Gefühl des Hier und Jetzt. Schwimme um den Rumpf. Das Boot erscheint hoch über mir. Ich tauche, lasse mich eine Weile auf dem Wasser treiben. Schwimme weiter weg, betrachte das Boot von weitem. Liegt dort friedlich in der Sommersonne wie eine einsame Insel. Nur wir.

Steige wieder auf das Boot, während Marion mich schmunzelnd empfängt. Während wir uns unterhalten lasse ich mich auf der Reling sitzend in der Sonne trocknen. Dann einen Kaffee kochen. Welcher Luxus. Einen Kocher, Wasser aus dem Kanister, Espressopulver, Espressokocher und Becher. Zuhause eine Selbstverständlichkeit, ja fast schon zu einem Reflex verkommen, ist es hier etwas ganz besonderes.

Kaffeekochen auf dem Spirituskocher. Die Hitze staut sich unter dem Dach der Kajüte. Der muffig-scharfe Geruch des verbrannten Alkohols. Ich blicke durch das Fester über die Lichtreflexe und das Schaukeln zum Strand. Der Kaffee beginnt zu simmern, zu zischen, zu blubbern. Kaffeeduft füllt das Boot.

Milch aus der Kühlbox, Tassen aus dem Schrank. Eingiessen. Dunkelbrauner Espresso mischt sich mit weißer Kühle zu einem köstlichen Gebräu. Trage die Tassen hoch in die Plicht, wo Marion in die Sonne blinzelt. Wir nippen am Kaffee, unterhalten uns und lassen uns leise von den Wellen wiegen. Das Holz der Sitzbänke warm am Rücken.

Die Ufer fern. Die Stadt weit weg. Himmlische Ruhe. Das Wasser ist fast ohne Bewegung. Dem Horizont zu wird das Wasser immer heller. Dort wo der Horizont bei Wind dunkelblau gemustert abgegrenzt ist, verliert sich heute der Himmel im Meer.

…. fragte mich kürzlich ein Freund.

„Nee, gar nicht“ sagte ich. „Das ist Kurzurlaub, dein Rückzugsort, ein schwimmendes Wohnmobil, nette Nachbarschaft am Steg, große Fähren die vorbeiziehen, Wellen, Schraubengeräusche, das Klatschen des Wassers an den Rumpf, Kochen mit Blick auf die Promenade, wo alle auf das Boot gucken, Kaffee und Kuchen in der Plicht, basteln am Boot und und und…. naja, und natürlich:

Motor anwerfen, Leinen los, raus rangieren aus der Box, aus dem Hafen tuckern, an der Mole und dem Leuchtturm vorbei, den Urlaubern am Leuchtturm zuwinken, am Strand vorbei, prüfen woher der Wind kommt, dann die richtige Seite zum Segel setzen wählen, Ruder übergeben, an den Mast, Segel setzen, zurück in die Plicht, der Wind greift ins Groß, Du bekommst Lage ins Boot, Du ziehst an der Genuaschot, die öffnet sich mit einem Flappen, das metallische Ratschen der Winsch beim dicht holen, der Motor erstirbt, Zündung aus, Ruhe, Ruhe, Wind und Welle.

Mehr Lage, anluven, noch mehr Lage, du nimmst Fahrt auf, das Wasser gluckst an den Rumpf, das Boot taucht klatschend in die ersten Wellen ein, die Geräusche vom Ufer entfernen sich, du blinzelst in die Sonne oder die Wolken, peilst auf dem Tiefenmesser. Die Menschen am Strand werden kleiner, nur noch die Geräusche der Wellen, die anderen Segler ziehen vorbei, grosse und kleine, jeder ist ruhig und still, das Licht glitzert auf dem Wasser, das beruhigende grünblau, Strand und Wald, das Ufer zu beiden Seiten, du stemmst die Beine gegen die gegenüber liegende Bank. Nein, nicht langweilig.“

Der Freund schaut nachdenklich. Schweigen, jeder hängt seinen Gedanken nach. „Warum langweilig?“ denke ich bei mir.

Die Überführung startet – jetzt!

Am Vatertag war es soweit, endlich sollte die Überführung starten.

Überführung Stefan am Mast

Von Barth nach Travemünde, 6 Tage hatten wir uns Zeit genommen. Da die ersten 2 Etappen schwierig waren, hatten wir uns Unterstützung organisiert. Stefan, ein Vereinsfreund aus der OSG wollte die ersten beiden Tage mit.
Donnerstag ging es mit dem Zug nach Barth. Allein die Anreise ist schon interessant – wer bitte kennt Velgast? Ein Ort im Niemandsland…aber anscheinend der Drehpunkt der Region.

Anspannung und ihre Folgen

Natürlich waren Christoph und ich ziemlich angespannt – ist jetzt endlich alles in Ordnung oder müssen wir wieder abbrechen? Angekommen war aber alles ok. Motor gestartet, Leinen los und ab durch den Bodden. Schmale Fahrwasser liegen vor uns. Der Wind steht gut, die Genua raus, Motor aus und bei schönstem Segelwetter geht es Richtung Barhöft. Vorbei an Wildschweinen, Vögeln und wunderschönen Ufern. Die Anspannung legt sich und es stellt sich heraus: die Einkäufe liegen noch zuhause. Kurzer Check: Nudeln und Tomatensoße sind an Bord. Das sollte uns noch eine Weile begleiten…

Barhöft nach Warnemünde – ein langer Tag

Barhöft ist erreicht, wir gehen essen und in die Koje. Der nächste Tag wird lang, mehr als 60sm liegen vor uns. Um den Bodden herum bis nach Warnemünde gibt es keinen Hafen.
Wir sind immer noch nervös- aber Stefan ist zum Glück die Ruhe selbst und freut sich über nostalgische Gefühle in unserem Boot. ‚Wie früher‘
Kurz nach 8 geht es los, nach einem einfachen Frühstück mit Bäcker- und Krümelkaffee. Unsere Gasanlage funktioniert nicht und die Gaskartusche für den Campingkocher hatte gestern den Geist aufgegeben.

Wind gegen an. Nicht die beste Voraussetzung. Also kreuzen, Motoren, kreuzen. Stunden vergehen. Kekse, Schokolade, Chips… Kochen war ja nicht. Wir hatten einen Spiritus-Campingkocher dabei und wir beschlossen, Nudeln mit Tomatensoße zu kochen wenn wir da sind. Es gab ja auch nichts anderes an Bord. Kurz vor 20.00 die ersten Kreuzfahrer am Horizont ‚die fahren alle nach Warnemünde, da ist richtig was los!‘ Stefan war da schon – und wir waren beeindruckt. Wegen der Kreuzfahrer, nicht wegen Stefan.

Warnemünde – ein Paralleluniversum

Überführung Kreuzfahrer vor Travemünde

Die Stadtmarina war natürlich belegt. Und weil es jetzt schon spät war, beschlossen wir in die ‚Hohe Düne‘ einzulaufen. 5* Marina Resort mit Hotel.
Da der Hafenmeister nicht mehr da war, mussten wir uns im Hotel anmelden. Datum? Welches Datum ist heute? ‚Segler wissen nie das Datum‘ meinte die Rezeptionistin lachend.

Auf dem Weg zurück zum Boot, es schwankte, kam uns alles unwirklich vor. Nach mehr als 10 Stunden auf dem Wasser war das ein Paralleluniversum. Eine Anlage vom Reißbrett, wahnsinnig groß und lange Wege. Plötzlich sahen wir es gleichzeitig: Pizza. Wir kochen nicht mehr.

Warnemünde Hohe Düne

Die Kellner waren betont lustig, am Nebentisch ein Berliner, der typisch laut und typisch salopp einen Salonreißer nach dem anderen erzählt. Flanierende Frauen im Bademantel und eine Gruppe betrunkener Männer, die nicht mehr wissen wer und wo sie sind. Und Schiffe groß wie Häuser fahren an einem vorbei. Ab in die Koje. Stefan musste am nächsten Tag leider los.

Danke dass du dabei warst und Nudeln mit Tomatensoße machen wir das nächste Mal!!!

Warnemünde nach Kühlungsborn – Segelurlaub statt Überführung?

Überführung Christoph im Strandkorb

Weiter alleine. Der erste Schlag war nicht so lange: Kühlungsborn. Wir kannten die Marina im Winter, leergefegt. Und heute? Chillige Clubsounds mit DJ, Cocktails im Sonnenuntergang. Ziemlich entspannt im Vergleich zu Hohe Düne.

Da Gewitter angesagt war und wir auch ziemlich durch waren, beschlossen wir einen Hafentag einzulegen. Strandkorb, Sand, einkaufen. Das tat gut und wir waren für den weiteren Weg bereit.

 

Kühlungsborn nach Travemünde – ein letzter langer Schlag

Einen Tag später dann Leinen los. Gegen Mittag die Überlegung, bis wohin wir wollen. Rerik? Poel? Boltenhagen? Der Blick auf den Windfinder half uns bei der letztendlichen Entscheidung: ab morgen Starkwind und Regen. Also ab nach Hause, weiter nach Travemünde. Wir hatten entweder kein Wind oder Wind gegen an. Ein Kreuz mit der Kreuz, Sleipi ging kaum an den Wind. Motor, Segel, Motor, Segel. Nach 46 sm kamen wir abends in Travemünde an. Kaputt, hungrig und glücklich. Sehr glücklich.  Und der nächste morgen zeigte uns, es war die richtige Entscheidung!

Windstille bei Überführung der Sleipnir Regen im Hafen von Travemünde

Das wird der Anfang eines schönen Sommers!

Ein paar Impressionen unsres Törns

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