Seekrankheit macht müde

In dem Artikel „5 Insidertipps für einen unvergesslichen ersten Segeltörn“ habe ich versprochen, alles über Seekrankheit zusammenzutragen.

Grundsätzlich kann jeder seekrank werden. Immer und überall, sogar langjährige Seebären.
Direkt vorab: Ich kann dir hier nicht „die“ Lösung für dich bieten, denn Seekrankheit trifft jeden anders und bei jedem hilft etwas anderes. Aber ich habe unterschiedliche Ansätze zusammengetragen, was bei Seekrankheit hilft. Es gibt viele Vorschläge. Und ich bin mir sicher, da ist auch für dich etwas dabei.
Also „kopfüber“ ins Thema Seekrankheit!

Was ist Seekrankheit?

Meine Theorie ist ja, Seekrankheit ist sehr viel Kopfsache. Je mehr Sorge oder Angst du davor hast, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit. Daher klären wir zuerst die Frage, was Seekrankheit eigentlich ist.
Medizinisch hat Seekrankheit etwas mit dem Gleichgewichtssinn zu tun. Dieser wird gesteuert über Auge und Ohr. Wenn da etwas stört, wird uns schwindelig, werden wir müde, seekrank. Mehr ist es eigentlich nicht, kann aber bei manchen Menschen zum Totalausfall führen.
Bei Netdoktor wird es natürlich besser beschrieben, hier ein paar Auszüge:

„… stehen bei der Seekrankheit verschiedene Sinneseindrücke im Konflikt. Das Gleichgewichtsorgan nimmt mit winzigen Haarzellen in seinen einzelnen Teilorganen Drehbewegungen sowie horizontale und vertikale Beschleunigung wahr. Die sogenannten Propriorezeptoren senden Informationen darüber, welcher Muskel sich gerade wie bewegt… Sehr wichtig ist auch die optische Wahrnehmung – also das, was der Mensch mit seinen Augen sieht, um sich zu orientieren.

Widersprüchliche Sinneseindrücke
Auf hoher See ist es oft so, dass die sichtbare Umgebung – etwa die Planken eines Segelboots oder auch die Wände im Inneren eines größeren Dampfers – gerade erscheinen und man eigentlich stabil sitzt oder steht. Durch die ständigen Schaukelbewegungen bei Seegang nimmt das Gleichgewichtsorgan allerdings wahr, dass der Körper andauernd in Bewegung ist und kippt. Dies sorgt für widersprüchliche Informationen, welche das Gehirn nicht einordnen kann.

Viele Menschen reagieren darauf zunächst mit Müdigkeit, leichten Kopfschmerzen und häufigem Gähnen. Oft verstärkt sich der Speichelfluss und die Betroffenen beginnen zu schwitzen. Erst danach kommt es zu den klassischen Symptomen der Seekrankheit: Schwindelgefühl, Übelkeit und Erbrechen. Im Extremfall wird der Seekranke völlig apathisch oder sein Kreislauf bricht zusammen. Dies ist allerdings sehr selten.“

https://www.netdoktor.de/krankheiten/reisekrankheit/seekrankheit/

Ich werde meistens nur zum Anfang der Saison seekrank, wenn ich noch keine „Seebeine“ habe. Das heißt, mein Gleichgewichtssinn hat sich noch nicht wieder an die Situation gewöhnt. Bei mir äußert sich das darin, daß ich müde werde. Ich liege dann immer in der Pflicht und döse vor mich hin. Vielleicht hast du das schon in einem unserer Videos gesehen. Mir ist ein paar Tage flau, bis die Seebeine wieder da sind.

Seekrankheit macht schläfrig
Marion ist seekrank

Während der Saison kommt es nur vor, wenn ich nicht ganz fit bin. Zum Beispiel wenn wir früh los müssen kann es auch mal kritisch werden. Übergeben muss ich mich nicht, es ist maximal der Magen flau. Seit unserem England Törn stehe ich in einem solchen Fall auf schwarzen Tee mit Milch und Zucker. Und normalerweise mag ich keinen Zucker im Tee, niemals! Aber es tat mit damals gut, also hilft es mir immer. Soviel zum Thema Kopfsache…

Setzte dich damit auseinander, was Seekrankheit ist und wie diese zustande kommt. Das Wissen darüber kann dir schon helfen. Wenn es dich trifft, dann hole dir das Wissen ins Bewusstsein. Mir hilft es immer zu wissen, dass sich mein Körper einfach nur an die ungewohnte Situation gewöhnt und es bald vorbei ist.

Ich habe inzwischen eine gute Mischung aus Ignoranz, Wissen und „über mich ergehen lassen“ gefunden.

Was hilft bei Seekrankheit?

Es gibt so viele Tipps wie Fische im Wasser. Wenn dir flau wird, geh an die frische Luft und am besten ans Steuer. Keine histaminhaltigen Nahrungsmittel essen! Vitamin C nehmen! Apfelkuchen essen! …und so weiter!
Jeder wird dir etwas anderes erzählen. Daher jetzt hier mal eine Zusammenstellung.

Vor der Reise

Vitamin C

Die Einnahme von Vitamin C sollte eine Woche vor der Reise beginnen. Wichtig ist dabei die Dosierung: das Vitamin C sollte hochdosiert sein, mindestens 500mg. Am besten besorgst du dieses in der Apotheke, dort gibt es hochdosiertes Vitamin C.
Vitamin C ist ein Histaminblocker. Histamin ist ein Stoff im Körper, der die Seekrankheit begünstigt. Vitamin C hilft aber nur, wenn es vorbeugend genommen wurde, die Vitaminspeicher im Körper quasi voll sind. Die Wirkung von Vitamin C konnte wissenschaftlich noch nicht bewiesen werden, aber es soll helfen und kann nicht schaden.

Gleichgewichtssinn trainieren

Wenn du die Möglichkeit hast, dann mache Dinge, die den Gleichgewichtssinn trainieren. Klingt merkwürdig, kann aber unterstützen.
Was kann das sein?
Skateboarden, Inline, Rollschuhe, Eislaufen
Trampolin
Slacklining, Bouldern, Klettern
Balance Boards, Balance Kissen, etc
Auch hierfür gibt es keine Studie, das ist meine persönliche Logik. Und hey, was spricht dagegen?

Während der Reise

Ernährung

Histaminhaltige Nahrungsmittel solltest du vermeiden. Das sind lange gereifte Nahrungsmittel wie zum Beispiel Käse, Rotwein, Salami. Das ist in der Seefahrt lange bekannt und auch verbreitet.
Natürlich solltest du auch stark und scharf gewürzte Nahrungsmittel vermeiden. Ebenso Kaffee. Also alles, was den Magen reizt.

Diese Hinweise sind beide nicht wissenschaftlich 100% bewiesen. Das mit (also ohne) Kaffee mache ich aber auch. Jedoch werde ich müde bei Seekrankheit. Und natürlich auch ohne Kaffee. Heißt also, ich bin noch müder …daher trinke ich den oben erwähnten schwarzen Tee mit Milch und Zucker. Aber ich esse, wenn mir flau ist, gerne stark gesalzene Nahrungsmittel. Am liebsten Chips mit Meersalz und Pfeffer.
Meine Erfahrung ist: der Körper sagt Dir, was er mag. Ich hatte den Fall, daß sich mir mal bei einfachen Spaghetti mit Tomatensosse schon beim Anblick der Magen gedreht hat. Also esse ich es natürlich nicht.
Grundsätzlich aber ist etwas essen sehr wichtig: der Magen darf nicht leer sein, er übersäuert sonst.

Ingwer

Ingwer hilft allgemein gegen Übelkeit. Am besten wirkt frischer Ingwer. Für die hartgesottenen einfach ein Stück abschneiden und darauf herum kauen. Ansonsten als Tee oder als Ingwerwasser, wobei das Ingwerwasser eine sehr schwache Konzentration hat.

Verhalten

Selten hilft es, unter Deck zu sein. Am besten, Du gehst an Deck und schaust auf den Horizont. Das hilft dem Gleichgewichtssinn, sich neu zu ordnen und dem Gehirn, die Situation zu verarbeiten.
Ebenso hilft es, sich abzulenken: Aktiv ans Ruder gehen und ins Geschehen eingebunden zu werden.
Aber ja, es kann auch irgendwann soweit sein, daß der Skipper dich fürs erste unter Deck schickt, da du dich und andere gefährdest. Dann nimm die Pütz unter den Arm und geh sterben. Das klingt jetzt schlimm, aber glaube mir, du wirst nicht sterben. Die allermeisten fühlen sich nach einer Zeit besser.

Ohrstöpsel

Der allerheißeste Tipp im letzten Jahr war ein Ohrstöpsel. Rechtshänder links und Linkshänder rechts im Ohr. Nur ein einzelner Ohrstöpsel ist gemeint, das andere Ohr bleibt ohne. Dadurch wird der Gleichgewichtssinn angeregt, sich besser und schneller neu zu sortieren. Mehrfach bestätigt, bis jetzt auch noch nicht wissenschaftlich belegt.
Aber dieser Tipp war sogar schon in einer Rätselsendung im Fernsehen bei der Frage „Was hilft gegen Seekrankheit“ die Antwort. Daher kann es ja auch nicht so falsch sein.

Minzöl

Ein paar Tropfen Minzöl auf ein Tuch träufeln und einatmen. Das macht den Kopf frei, hilft gegen die Kopfschmerzen und ist dadurch gut für das Befinden. Ich denke, es wirkt auch durch Ablenkung (siehe oben).

Medikamente

Meiner Meinung nach sind Medikamente absolut legitim, sie helfen bei Seekrankheit. Trotzdem sollten sie aber das letzte Mittel der Wahl sein. Meistens haben diese Medikamente Nebenwirkungen, sie machen oft müde. Dir ist also nicht mehr schlecht, aber du verschläfst vielleicht die Reise. Jeder verträgt die Medikamente natürlich anders. Vielleicht bleibst du auch wach und alles ist gut.
Es gibt unzählige Medikamente, dein Arzt oder die Apotheke deines Vertrauens kann dich da bestimmt beraten. Viele schwören auf Reisekaugummis, das habe ich jetzt schon oft gehört.

Alternative Mittel und Homöopathie

Diese Mittel möchte ich natürlich nicht verschweigen, alles was hilft hat seine Berechtigung!
Magnetarmbänder sind in Seglerkreisen sehr beliebt. Ich kenne keinen, der diese nutzt, aber das heißt jetzt auch nichts.
Die Homöopathie hat zum Beispiel Cocculus im Angebot, das hilft gegen Übelkeit. Oder Tabakum und Petroleum rectificatum. Die Suchmaschine ist da dein Freund. Persönlich bin ich ab von Globuli in jeder Hinsicht. Aber wie gesagt, alles was hilft hat seine Berechtigung…

Sonstiges

In Gesprächen kommen dann natürlich auch gerne solch hilfreiche Tipps wie:

  • Apfelkuchen schmeckt runter wie hoch gut.
  • Pfefferminztee und Schokolade, schmeckt rückwärts wie „Hauchdünne Schokoladentäfelchen mit einer zartschmelzenden Pfefferminzcremefüllung“
  • Banane flutscht gut…

Übersetzt heißt das: Bleib entspannt, Seekrankheit kommt und geht auch wieder. …nimm es mit Humor, das hilft auch!

Eine Anekdote habe ich auch dazu: wir hatten auf einem Törn eine stark gebeutelte Mitfahrerin an Bord. Unser Skipper erzählte damals, es hilft an einer Kartoffel zu riechen, da der Geruch einen quasi „erdet“. Sie hing sich eine Kartoffel an einem Bändsel um den Hals und stand kurz darauf freudestrahlend am Steuer.

Wie gesagt: es ist sehr viel Kopfsache und es gibt kein für alle passendes Heilmittel! Höre auf Deinen Körper und höre auf Dein Gefühl! Das hilft sehr gut bei Seekrankheit.
Wenn Du noch eine Ergänzung oder einen Erfahrungswert hast, dann schreib uns gerne einen Kommentar. Sicherlich hilft das dem einen oder anderen – Seekrankheit verbindet!

Und ansonsten mein wichtigster Tipp:
Ab auf’s Wasser, geh segeln – laß dir von der Angst vor Seekrankheit nicht den Spaß nehmen!

Hier ist eine Linkliste zu den Tipps:

https://www.aerztezeitung.at/fileadmin/PDF/2009_Verlinkungen/2009-05_Orig.arbeit_SeekrankheitHistaminUndVitaminC.pdf

Ein Video zum Thema Ohrstöpsel hier bei YouTube

Starke Knolle gegen Reiseübelkeit: Ingwer

Globuli gegen Reisekrankheit

https://www.boat24.com/de/blog/seekrank-das-boese-histamin/

https://de.wikipedia.org/wiki/Reisekrankheit

4 Kommentare
  1. Henrike sagte:

    Danke für die vielen Tipps, da ich demnächst mit dem Segeln beginnen möchte, werde ich diese vielleicht mal brauchen.
    Und wenn nicht, hatte ich beim lesen mancher Hinweise zumindest ein Schmunzeln im Gesicht.
    Ein wirklich lesenswerter Blog und eine tolle Seite, die noch mehr Lust auf’s Segeln macht.

    Antworten
    • Hafenkino sagte:

      Hallo Henrike,
      vielen Dank! Das freut uns sehr, vor allem die Tipps auch für Anfänger liegen mir persönlich sehr am Herzen!
      Den Artikel „Segeln lernen für Erwachsene“ kennst du bestimmt auch, da gibt es auch viele Tipps für Anfänger.
      Ich wünsche dir viel Spaß beim segeln lernen und wenn du Fragen hast, melde dich gerne bei uns. Auch über Facebook oder Instagram gerne!
      Schöne Grüße
      Marion

      Antworten
  2. Kurt sagte:

    Es gibt den wissenschaftlichen Nachweis, dass Vitamin C antihistami artige Wirkung hat. In Kombination mit der Aussage, das histaminhaltige Nahrungsmittel zu meiden sind, gibt es so schon einen indirekten wissenschaftlichen Wirkungsnachweis.
    Und noch etwas zum Einkauf: Vitamin C in der Apotheke kostet ziemlich viel. Und man braucht ja grosse Mengen davon, wenn es wirken soll.
    Vitamin C als Konservierungsstoff heisst schlicht Ascorbinsäure und ist spottbillig kiloweise zu bekommen. Schaut mal bei amazon.

    Antworten
    • Hafenkino sagte:

      Moin Kurt, danke für deinen Kommentar!
      Du schreibst es ja selbst – es gibt nur einen indirekten Nachweis. Daher scheue ich mich natürlich zu sagen, es hilft 100%ig.
      Aber es ist ganz weit vorne in der Liste! Meines Wissens testet die Marine auch noch in einer Langzeitstudie, um die Wirksamkeit zu bestätigen.
      Du hast natürlich recht, Vitamin C ist L-Ascorbinsäure. Die hochdosierten Tabletten aus der Apotheke sind magenfreundlicher einzunehmen als die L-Ascorbinsäure, daher mein Tipp für die Apotheke. Aber am Ende zählt das Ergebnis und daß es hilft!
      Schöne Grüße & handbreit!
      Marion

      Antworten

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