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Langfahrt – Der hakelige Start

Langfahrt - der Start

Wir sind unterwegs auf unserer Langfahrt. Es ist kaum zu glauben. Alles fühlt sich gleichzeitig normal und ungewohnt an. Und es könnte immer noch einfach ein langer Urlaub sein. Und dennoch ist Hamburg und unsere Wohnung gedanklich schon sehr weit weg!

Hamburg, Anfang Juli 2021

Es ist Anfang Juli und wir liegen im Harburger Binnenhafen. Konzentriert versuchen wir, das Boot so gut wie möglich vorzubereiten. Ob die Dinge, die wir uns überlegen, wirklich die richtigen sind und ob der Fokus auch der richtige ist? Wir werden es erst erfahren, wenn wir unterwegs sind.
Unser Termin zum Start der Langfahrt war ursprünglich mal für den 19.07. gesetzt, eine sehr knappe Hausnummer. Daher haben wir den schon auf den 24.07. gesetzt.

Da ich (Marion) am Anfang einer Saison immer seekrank werde (nur Müdigkeit, aber das reicht) und ausfalle, haben wir beschlossen, Mitsegler zu suchen. Damit wollen wir gleich das zweite Problem auch lösen: wir kennen uns in der Nordsee und im Tidengewässer nicht so richtig aus. Also suchen wir Mitsegler, die die Nordsee und am besten auch den Kanal kennen. Unser Plan war, schnell durch den Kanal zu fahren. Dadurch wollten wir uns nach hinten mehr Luft verschaffen. Ein guter Plan, dazu später mehr.

Wir hatten Glück, es fand sich ein Paar. Dieter und Christiane, erfahrene Nordeesegler und Yachtmaster. Perfekt, dann sollte es klappen!

Hamburg, 17. Juli 2021

Am 17. Juli war es soweit: wir verlegen uns in den Citysporthafen in die Innenstadt! Endlich bewegt sich etwas (im wahrsten Sinne des Wortes, wir hatten ganz vergessen: der Citysporthafen hat sehr viel Schwell, das Boot schwankt die ganze Zeit…) Damit wurde auch die Abfahrt und das Ziel „Langfahrt“ wieder viel konkreter.

Und: wir segeln das erste Mal. Leider nur kurz, das Wetter war nicht perfekt dafür, aber immerhin.

Doch nicht alles läuft reibungslos in der Vorbereitung, und so scheint der Abfahrtstermin erneut zu kippen. Es fehlen Teile, ich muss noch mal zur Familie fahren und ein wichtiger Arztbesuch steht auch noch an. Wir sind langsam am Ende unsere Kraft.

Wir diskutieren lange, ob wir den Mitseglern absagen sollen und eine Woche später alleine losfahren. Das heißt, den ganzen Weg in kurzen Schlägen und deutlich länger unterwegs sein. Das heißt, die Nordsee und den Ärmelkanal alleine fahren und für Christoph am Ende vielleicht auch „Einhand“, da ich ausfalle.
Das klingt alles nicht nach einer vernünftigen Entscheidung. Also verschieben wir nur um einen Tag und hauen richtig rein.

Hamburg zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Sonne scheint und wir bekommen fast Heimweh. Das ist wohl so: immer wenn etwas zu Ende geht, ist es plötzlich ganz toll. Und man fragt sich, warum man das verändert… mir ging es bei meinem Jobs immer so.

Hamburg 25. Juli 2021

Am 24.07. ist es dann soweit. Christiane und Dieter reisen an. Wir proviantieren, stauen und planen die Abfahrt am nächsten morgen. Ich setzte die Wimpelkette, das ist eine alte Tradition: man schmückt das Boot mit Flaggen aus aller Welt. Das macht man bei einem neuen Boot, bei einer Taufe oder eben vor einer langen Reise. Flaggenparade nennt sich das seemännisch. Kurz bevor ich das Fall oben habe, kommt mir der Gedanke: wie kommt es denn wieder runter? Ich habe vergessen, eine Rückholleine anzubringen. Und das heißt: einer muss in den Mast.
So schnallt Christoph sich das Klettergeschirr um und wird mit der elektrischen Ankerwinsch hochgezogen. Ein verrückter Start der Langfahrt…

Die Elbe ist traumhaft am frühen morgen. Ein Feuerschiff macht Löschübungen im Sonnenaufgang- wie bestellt!
Rasmus bekommt seinen Schluck für gutes Wetter und wir freuen uns. Wir genießen Sonne, Wind und die letzten Blicke auf unser schönes Hamburg.

Der Plan war, bis zu den friesischen Inseln zu fahren. Mindestens. Doch kurz vor Cuxhaven kommt eine Gewittermeldung. Es wird diskutiert und seemännisch beschlossen, nach Cuxhaven abzudrehen und dafür mit der nächsten Tide um 03.00 Uhr wieder auszulaufen.

Ich bin aufgrund meiner Seekrankheit-Situation aus der Planung raus und so merke ich es kaum, als es mitten in der Nacht weitergeht. Wenn du mehr zum Thema Seekrankheit wissen willst, dann schau doch mal in den Artikel über Seekrankheit und was wirklich hilft.

Cuxhaven ins IJsselmeer, 26. Juli 2021

Es läuft richtig gut. Die Sonne scheint, es weht ein schönes Lüftchen. Zwischenzeitlich schläft der wind mal ein und Christoph kann sich um einen verstopften Borddurchlass kümmern. Details gibt es hier nicht, es war der Durchlass, der nicht soviel Spaß macht…wir genießen unsere Reise, so hatten wir uns unsere Langfahrt vorgestellt.

Doch dann, mitten in der Nacht vor den friesischen Inseln kommt der Regen und der Wind. Da ich nicht im Wachplan eingeteilt war, habe ich nur mitbekommen, daß es extrem unruhig war – ich wurde in meiner Koje regelrecht herumgeschleudert.

Am nächsten Morgen kam dann das erwachen: es war „alles“ nass. Wir haben ganz viel Wasser im Schiff, an Stellen wo es nicht hingehört. Die Luken sind undicht, der Lüfter ist ist wie ein Loch, das Wasser fließt ungehindert durch. Und auch an den Wänden läuft das Wasser.

Die Crew hatte entschieden, ins IJsselmeer zu fahren. Die Wettervorhersage hat sehr starken Wind angekündigt. Das tun wir und wir machen einen Stop in Enkhuizen. Wäsche waschen, schlafen, tanken und weiter gehts am nächsten Morgen.

Nach Amsterdam, 28. Juli 2021

Der Wind frischt sehr stark auf und wir können wie geplant nicht weiterfahren. Wir müssen eine Pause machen und den Wind abwettern. So entscheiden wir, noch durchs Markermeer nach Amsterdam zu fahren. Dort können wir wenigstens eine schöne Zeit verbringen.
Also bolzen wir bei 7 bft gegen Wind und Regen an und kommen nass und fertig in Amsterdam an. Doch die Stadt zeigt sich nicht von ihrer besten Seite: es gibt keine Plätze mehr, die Häfen sind überfüllt.

Ein Hafenmeister hat dann aber doch noch ein Herz für uns und findet eine Lücke. Als wir dort ankamen und der Hafenmeister den Platz anweist, bekam ich gleich weiche Knie: rückwärts in eine schmale Lücke zwischen zwei andere Boote. Ohne Steg und ohne Dalben.

Mein erster Gedanke war: mach das nicht, das wird nichts. Christoph steht am Steuer und ich flüstere ihm schnell noch zu, er kann auch abbrechen. Aber es gab ja irgendwie auch keine Alternative, alle Häfen dicht, wir sind alle durchnässt und verfroren. Also versuchte er es. Doch es war sehr knapp am Bug eines großen Motorbootes. Schon war es passiert: wir schrammten am Anker des Motorbootes vorbei und unser Solarpanel knirschte und er Anker verhängte sich dann noch in der Reling. Wir konnte uns wieder lösen und Christoph brach das Manöver ab.
Wieder raus aus dem Hafen, kurz sortieren und Schäden checken. Das Solarpanel war zersplittert und die Reling verbogen.

28. Juli – Planänderung

Da es keine anderen Möglichkeiten mehr gab, entschieden wir nach IJmuiden zu fahren.
Wir motorten also weiter. Der Wind drehte mehr und mehr auf. Nach der Schleuse von IJmuiden ballerte es so richtig, es waren Böen von mehr 45 Knoten.
Die Hoffnung war, in der Marina wird es windgeschützt sein. Doch so richtig stimmte das leider nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: beim Anlegemanöver erfasst uns eine Böe und drückte uns gegen ein Motorboot. Trotz tatkräftiger Hilfe mehrerer Leute am Steg, 9 bft sind halt einfach 9 bft.

Als wir fest sind, überprüfen wir den Schaden zusammen mit dem Eigner des Motorbootes. Und siehe da – unser Anker ging direkt in das geöffnete Fenster des Motorbootes und hat dadurch auch nichts beschädigt. Es ist echt unglaublich – aber es ist so! Und so atmen wir erstmal tief durch.

Pause in IJmuiden – brechen wir ab?

Bei einem langen Gespräch mit unseren Mitseglern beschließen wir, die Pläne für unsere Langfahrt zu ändern. Es ist so vieles nicht in Ordnung bei dem Boot, daß wir guten Gewissens in diesem Tempo nicht weiterfahren können. Und auch unsere Seelen sind ziemlich geschunden, das schwierige Wetter und die zwei Crashs haben uns nicht gut getan.

Segeln wird in den nächsten Tagen aufgrund des Wetters nicht möglich sein. Christiane wird die Fahrt abbrechen und mit Freunden zurückfahren, so kann sie ihren Urlaub aufsparen.
Dieter wird mit uns das Boot noch etwas auf Vordermann bringen und noch ein paar Etappen mitfahren.

Das klingt nach einem guten Plan und wir fangen zu viert mit der Arbeit an: es wird gewaschen, gebastelt, das Boot abgedichtet, Ersatzteile bestellt und Krönchen gerichtet.
Christoph machte Hafenmanöver, wir lernten Leinen werfen.

Dann verabschieden wir Christiane und machen uns wieder auf den Weg… mit angezogener Bremse und noch nicht verheilten Wunden.

Fazit …und wie geht es weiter???

An dieser Stelle auch noch mal ein dickes, fettes DANKESCHÖN an Christiane und Dieter!

Für eure Geduld, für eure Unterstützung, für euer Wissen!
Wir sind froh und dankbar, euch dabei gehabt zu haben und wir haben so viel von euch gelernt!

Wenn du auch eine Langfahrt planst, hier meine Tipps für den Start:

  • starte eine Langfahrt niemals gestresst. Wir waren an manchen Punkten überfordert, obwohl es nicht nötig war. Das kann ich heute, mit entsprechendem Abstand sagen.
  • kläre die genauen Vorstellungen mit der Crew ab. Der Plan für unsere Mitsegler war: schnell durch den Kanal. Sie hatten „komme, was da wolle“ als Zusatz und wir „aber nicht um jeden Preis“. Dieser Zusatz ist extrem wichtig und sollte im Vorfeld immer abgeklärt werden!
  • kenne deine Grenzen und bleibe am Anfang in deiner Grenze oder besser noch unterhalb. Das stärkt und gibt für die folgende Komfortzonenerweiterung ganz viel Kraft!
  • mache dich mit dem Boot vor der Abfahrt vertraut. Segeleigenschaften, Systeme – das sollte sitzen.
  • und gehe vorher mal segeln, mehr als 2 Stunden…

Zu diesem Thema wird es auch noch einen Extra Artikel geben.

Du willst wissen, wie es weitergeht mit unserer Langfahrt?

Dann schreibe dich doch in die Flaschenpost ein.
Du bekommst eine Mail, wenn der nächste Artikel fertig ist!

Wenn du unsere Position wissen willst, du findest uns unter anderem bei Marinetraffic oder Vesselfinder.
Einfach nur den Schiffsnamen eingeben. Sollten wir nicht zu sehen sein, dann spinnt das AiS oder wir sind in einem „Funkloch“. Das passiert leider noch, wir arbeiten aber an der Lösung.

Zu dieser Etappe gibt es natürlich auch ein Video.

3 Kommentare
  1. Uwe sagte:

    Hallo Christoph,
    ich freue mich auf diesem Wege wieder etwas von dir zu hören und zu sehen und wünsche Dir, Deiner Marion und allen Mitstreitern eine schöne Reise mit vielen tollen Erfahrungen! 😊
    Danke, dass ihr uns teilhaben lasst👍🏻
    Dein alter Studienfreund Uwe

    Antworten

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